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Kamerun

Mireille Makampe: Der Wille meines Vaters geschehe!

Zur Person: Mireille Makampe ist heute 51 Jahre alt. Sie musste miterleben wie ihr Vater ihre Mutter schlug und unterdrückte. Daraufhin gründete sie die "Christian Sisters Association", die sich für die Rechte der Frauen einsetzen.

Ich möchte euch meine Lebensgeschichte, und die meiner Mutter erzählen, als Beispiel dafür, wie es den Frauen in Kamerun ergeht.

Als meine Mutter 1950 heiratete, war sie erst 14 Jahre alt. Ihren Mann hatte sie zuvor nicht kennen gelernt. Eigentlich wollte der älteste Bruder meines Vaters meine Mutter heiraten, doch die Familie entschied dagegen. Sie dachten, meine Mutter würde, aufgrund ihres Alters, eher zum jüngeren Sohn Paul passen, eben meinem Vater. Dieser konnte die Hochzeit aber nicht mehr erwarten, weswegen er zuvor noch eine andere Frau heiratete, mit der er drei Kinder zeugte. Später wurde meine Mutter, an jenem verhängnisvollen Tag, mit Essen in sein Haus geschickt. An diesem Abend führte sie die andere Ehefrau in das Schlafzimmer ihres Mannes. Dies war der Beginn ihres Ehelebens.

Geboren wurde ich im Dezember 1951 und man erzählte mir, dass mein Vater geschworen hatte, er würde keine Mädchen in die Schule schicken. So wuchsen meine Stiefschwester und ich in Unterdrückung auf. Als Kind sah ich viele Frauen das Schlafzimmer meines Vaters betreten. Manchmal nahm er auch andere Frauen mit nach Hause, was in der Regel mit Schlägen für meine Mutter endete. Was sich in diesem Schlafzimmer abspielte, kann nur meine Mutter erzählen. Manchmal hörten wir sie im Schlafzimmer sogar betteln wie eine Sklavin. Einmal brach sie sich - bei einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann – auch einen Finger. Einige wenige Male flüchtete sie zu ihren Eltern, die sie aber gleich wieder zurückbrachten, mit der Begründung, dass dies unüblich sei.

So erlebte meine Mutter 35 Ehejahre mit meinem Vater. Wir kämpften uns durch die Grundschule, bestärkt durch die Unterstützung unserer Mutter. Sie tat was sie konnte, damit wir unsere Prüfungen bestanden, da sie keine Schulbildung genossen hatte. Den Schulweg gingen wir jeden Morgen mit Tränen in den Augen; wir waren geschlagen worden, weil wir entweder die Schuhe unseres Vaters nicht ordentlich geputzt hatten, oder die Ziegen nicht festgebunden hatten oder die schmutzigen Teller nicht abgeräumt hatten. Trotz alledem wurde meine Schwester Krankenschwester und ich Grundschullehrerin.

Eines Tages erkrankte meine Mutter und konnte somit die Wünsche meines Vaters nicht mehr erfüllen. Dieser heiratete daraufhin erneut, und ließ sich von meiner Mutter scheiden. Gemeinsam hatten sie es zu viel Eigentum gebracht.  Die Scheidung war schnell vorüber. Der Richter sprach meiner Mutter zwei Häuser für die Kinderbetreuung zu. Dieses Urteil wirbelte viel Staub in unserer vorwiegend traditionellen Provinz auf. Es ist in den Gesetzbüchern von Kamerun als eines der umstrittensten Urteile festgehalten. Es war das erste Mal, dass einer Frau bei der Scheidung Besitz des Ehemannes zugesprochen wurde. Dieser Urteilsspruch öffnete vielen Frauen die Augen und sie begannen sich für ihre Rechte zu interessieren.

Gewalt in der Familie kommt häufig vor: Vater gegen Mutter; Mutter gegen Kinder oder Kinder gegen Kinder. Es ist nicht ungewöhnlich in polygamen Ehen, dass sich die Kinder gegenseitig hassen, so wie es deren Mütter vorleben. Wenn Mädchen jung heiraten, werden sie von ihren Ehemännern wie Kinder behandelt. Sie werden oft wegen kleiner Fehler geschlagen, bis sie entstellt oder manchmal sogar tot sind.

Der Beginn der Wirtschaftskrise in Kamerun führte dazu, dass die Frauen härter zu arbeiten begannen. Plötzlich baten die Männer die Frauen um finanzielle Hilfe. Einige Frauen waren in der Lage, sich ihre Kleider selbst zu kaufen. Frauen konnten nun auch in der Öffentlichkeit laut lachen ohne zurechtgewiesen zu werden. Frauen erlaubten ihren Töchtern nicht mehr nur in der Küche zu sitzen, sondern ermutigten sie, in die Schule zu gehen. Mütter setzen sich heute sehr für die Ausbildung ihrer Mädchen ein und treffen dabei auf großen Widerstand bei den Männern und dessen Familien.

Mit dem Demokratisierungsprozess in Kamerun haben viele Frauen die Chancen genutzt, sich aus ihren Fesseln zu befreien. Es gibt bereits viele NGO´s, die im Bereich Frauenrechte, Geburtenkontrolle, Frauen und ihre Umwelt sowie gewaltfreie Erziehung arbeiten. Alle diese Frauenvereinigungen sind aus der "Association of Female Jurist" hervorgegangen. (FIDA)

Die "Christian Sisters Association", die ich leite, ist Gründungsmitglied eines Radioprogramms ("Global Voices for women"), das sich für Rechte der Frauen einsetzt. Es sollen Frauen aus allen sozialen Schichten angesprochen werden. Auch Telefongespräche in denen aktuelle Probleme diskutiert werden, werden in die Sendungen miteingebunden. Meine Organisation bietet teilweise auch eigene Seminare an, die geschlechtsspezifische Thematiken und Frauenrechte behandeln. In unseren Seminaren lehren wir auch das Herstellen von Seife, Cremen und Milch für die Kinder. Ein weiterer Bereich ist die Finanzierung der grundlegenden Schulausbildung von Mädchen. Am Beginn unserer Arbeit starteten wir mit einem Kredit-Programm, das Frauen unterstützte, die ein kleines Unternehmen etablieren wollten. Wir stellten fest, dass Frauen ohne wirtschaftlichen Einfluss keine Chance hatten, zu ihren Rechten zu kommen.

Wir sind aber nicht nur eine Frauenvereinigung, sondern betreuen auch das "School Network Human Rights"-Projekt an Lehrer-Ausbildungszentren und höheren Schulen, das vom österreichischen Bildungsministerium finanziert wird. An den Partnerschulen haben alle Beteiligten erstaunlich viel davon profitieren können. Durch unseren Einfluss ist "Menschenrechts-Kunde" nun in den Lehrplan aufgenommen worden. Neben diesen Erfolgen haben wir viele kaum zu bewältigende Probleme. Bereits mehrmals wurde ich verhaftet. Viele Männer halten unsere Vereinigung für zu revolutionär. Es ist nicht einfach, die Frauen davon zu überzeugen vom traditionellen Weg abzuweichen, den sie beibehalten wollen. Es ist schwierig diese Frauen davon zu überzeugen, dass sie Recht auf Familienplanung, auf eigenen Besitz und das Recht darauf haben, mit den Traditionen zu brechen, die sie eben in ihren Rechten beschneiden. Es gibt viele Fälle von Vergewaltigung; aber die Frauen schweigen aus Angst vor dem Ehemann, dessen Familie oder wegen der finanziellen Abhängigkeit, in der sie sich befinden.

Unser Haupt-Augenmerk richtet sich auf ländliche Frauen, die noch immer versklavt und ausgegrenzt sind. Die "CSA" hat für diese Frauen mittlerweile Seminare zur Gewaltfreiheit und Vertrauensbildung in Menschenrechts-Clubs und "Womens Traditional Cultural" Gruppen geplant. Wenn ich mich an das Leiden in meiner Kindheit  zurückerinnere, dann kann ich nur meine ganze Kraft für diesen Kampf geben.

Bildungsprojekt "Stimmen aus dem Süden", mit freundlicher Genehmigung von HORIZONT3000, Österreich. 

 

Letzte Aktualisierung: 22.05.2012