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Die traumwandlerische Überlegenheit der ’Westler’ Oder: 60 Jahre UNWRA – kein Grund zum Feiern - 30 April 2009

30. April 2009

Manchmal diese fragenden und hilfesuchenden Augen. Sie fragen, warum wir nicht mehr machen können. Dann auch mit Worten: Ihr kommt immer wieder zu uns, doch die Siedlungen verschwinden nicht, im Gegenteil, in letzter Zeit und seit den Wahlen in Israel treten die Siedler noch offensiver auf. Oder am Checkpoint: Jetzt warten wir schon über 2 Stunden und Ihr seid hier, warum tut ihr nicht mehr? Oder die Personen in der Zelle: Könnt Ihr uns nicht herausholen? Und dann noch direkter: Wir brauchen Geld für einen neuen Bus oder eine neue Strasse.

Dann erklären wir, dass wir selbst nicht solche Hilfe einfädeln, sondern „nur“ weiterleiten können. Oder das sie selber anrufen können. Das sind sie sich manchmal nicht mehr gewohnt. 60 Jahre abhängig sein, nie genug Raum haben für eigene Entwicklungen. Man gewöhnt sich an die Abhängigkeit. Das ist an allen Ecken zu spüren. Und oft verstärken wir dieses Bild auch. Wir wissen so schnell, was zu tun ist. Wir sind so schnell in der Falle, schnell sind wir diejenigen, die wissen was zu tun ist. Dann sind auch wir Botschafter der Überlegenheit des westlichen Kapitalismus. Die erleben die Palästinenser schon oft genug durch die Israeli: Jene produzieren kostengünstiger, rationeller, machen den Boden maschinell für Massen–Agrar-Business parat. Orangen und Blumen aus dem heiligen Land. Und unser altes Bild vom Kibbutz, der aus nichts oder aus Wüste fruchtbares Land hervorzaubert, ist auch Teil dieses Bildes.

Und von diesem Bild lebt manches in Palästina: Was wird hier schon ohne EU- und UN-Hilfe gebaut. UNWRA (the United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) und OCHA (Office of the coordination of humanitarian affairs), die beiden grossen UNO-Hilfswerke hier in Palästina seit 60 Jahren. Am Schulhaus von Yanoun prangt  das EU-Wappen. Und die Sterne auf blauem Grund leuchten beim lokalen EW. Und im Haus nebenan ein halbvoller Sack der UN-Hilfe. Oder in einem Supermarkt in Nablus sehen wir gar einen Sack Milchpulver der UN mit Vermerk 'darf nicht verkauft werden' – es ist wie in einem schlechten Film. Stereotype Vorurteile über fehlgeleitete Entwicklungshilfe. Nein, davon will ich nicht auch noch ein Photo machen. Es ist ja auch eine Ausnahme. Aber die Abhängigkeit ist keine Ausnahme, 60 lange Jahre abhängig sein macht dumpf. ‘Es gibt viele Arten zu töten’ sagt Dorothee Soelle einmal. Man kann auch töten durch Abhängig-Machen, durch Helfen sogar. Das tun umgekehrt auch die Dorfbewohner. Fast täglich bekommen wir das Essen geschenkt, schon warm in Schüsseln. Dann vergessen wir zu kochen, erwarten schon die tägliche Gabe. ‘They are killing us by feeding’, sagen wir dann scherzhaft.

Manchmal ist es noch ganz anders. Da mache ich mein Nickerchen auf einer kleinen Wiese, werde vom Nachbarn geweckt der mich zum Kaffee einlädt. Und plötzlich komm ein Nachbarsjunge mit ängstlichen Augen "mein Vater ist krank, könnt ihr ihm helfen?" Zuerst wittere ich Fragen nach Geld. Doch in der Wohnung merke ich sofort: der Mann ist zutiefst depressiv. Er zeigt mir alle Medikamente, die er im Spital Nablus bekommen hat. Auch den riesigen Streifen seines EEG's. Und dann soll ich ihm helfen. Wieder diese fragenden Augen, als ob ich es wüsste. Ich lese die englischen Beschreibungen (starke Psychopharmaka) und bestärke ihn, die Medikamente regelmässig zu nehmen. Mapsut il hamdilla. Insch allah – Wenn Gott will, wird er helfen. Ich werde auch für dich beten. Diese Hilflosigkeit kenne ich aus meiner Zeit als Spitalpfarrer in der  Psychiatrie. Doch hier ist sie gepaart mit den übergrossen Erwartungen an den Internationalen, der mehr kann als die lokalen Ärzte in Nablus. Riesengrosse Heilserwartung, fast wie bei Jesus, denke ich.

Dabei sind wir so hilflos. Doch unsere Hilflosigkeit sitzt tiefer, ist oft kaschiert von Telefonanrufen und Flugblättern oder gar Aktionen. Es ist so schwer, nichts tun zu können und die schwierige Situation bloss mit den Bewohnern zu teilen. Und die Fragen auszuhalten, ohne Antworten zu geben, weder in Worten und schon gar nicht in Taten.

Doch dies ist das einzig Richtige. Nur sie, die Palästinenser können in dieser Sackgasse aushalten, ihren Weg sehen und gehen. Denn eigentlich sind 60 Jahre UNWRA genug. Immer wieder gilt es  selber aufzustehen und gerade zu  stehen für die Palästinenser. Und für uns, die Falle der  schlafwandlerischen Überlegenheit des Westens zu erkennen und zu vermeiden.

Peter

Kategorie:
Blog, Israel, Palästina

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Letzte Aktualisierung: 23.05.2012