rss
tip a friend
print
spenden

Aktion

Für einen fairen Austausch mit Palästina

 

 


- auch im Tourismus!


Informieren Sie sich jetzt über die vielen neuen Initiativen und Möglichkeiten

Partner

Einsatz für Menschenrechte

Ratlos rastlos - 29 Januar 2012

29. Januar 2012

"Ich kann schreien und ich kann nett sein, und nichts hilft!" Mit diesen Worten einer israelischen Friedensaktivistin konnte ich mich am heutigen Morgen am Checkpoint Qalandya besonders gut identifizieren. Es war ein Morgen, den ich emotional noch den ganzen Tag mit mir herumschleppte. Der Checkpoint wurde zeitweise aus unerklärlichen Gründen geschlossen, dies während der "Rush hour": um die 400 verzweifelte Menschen warteten, Unruhen, Aggressionen, Ratlosigkeit und innere Rastlosigkeit waren spürbar, ein Morgen, an dem wieder einmal einfache Zivilisten den Preis für diesen Konflikt austrugen. Ein Morgen, an dem sich so viele PalästinenserInnen mit fragenden, verzweifelten Augen an uns wendeten: "Wieso? Wieso passiert das?" Ich hatte, auch diesen Morgen, keine Antwort. 

Chaos im Checkpoint, nichts geht mehr vorwärts, daher genug Zeit für ein wenig Small talk mit PalästinenserInnen. Beispielsweise mit Shaker, einem Anstreicher/Maler, Vater von vier Kindern:

"Ich habe in der Westbank monatelang nach einem Job gesucht, jedoch nichts gefunden. Daher habe ich einen Job in einer israelischen Siedlung, gebaut auf palästinensischem Boden, angenommen. Ich hatte keine Wahl, ich muss  für das Überleben meiner vier Kinder sorgen. Nie hätte ich mir träumen lassen, je in einer solchen israelischen Siedlung arbeiten zu müssen." In seinen Blick glaube ich den vorangegangenen Kampf mit sich selbst und die Verbitterung darüber zu sehen, an einem Ort zu arbeiten, dessen Existenz die Existenz eines eigenen, zukünftigen palästinensischen Staates untergräbt.

Israelische Siedlungen innerhalb der Westbank sind nach internationalem Gesetz (Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention) illegal und stehen in direktem Widerspruch zur Etablierung eines lebensfähigen palästinensischen Staates. Die israelischen Siedlungen in der Westbank lassen das palästinensische Gebiet wie einen Schweizer Käse aussehen, und jeden Tag wird ein weiteres kleines Loch kreiert oder ein Existierendes noch mehr ausgehöhlt. In den letzten 40 Jahren wurden in einem für die Aussenwelt relativ unmerklichen, jedoch schleichenden Prozess eine halbe Million israelischer SiedlerInnen in neu gebaute Siedlungen auf palästinensischem Gebiet transferiert.

"Wir PalästinenserInnen haben einerseits ein Problem mit der israelischen Regierung, welche uns unterdrückt, und andererseits eines mit unserer eigenen Regierung, welche Teile arabischer und europäischer Gelder verschwinden lässt, anstatt diese der palästinensischen Bevölkerung zugute kommen zu lassen. Ausserdem haben manche PalästinenserInnen angefangen, als politische Kollaborateure und Spione mit Israel zusammen zuarbeiten", raunt mir Shaker in leiserem Ton zu, "manche werden von Israel erpresst, andere tun es für Geld".

Zeit für "richtigen" small talk. Auf sein gutes Englisch angesprochen erzählt er mir, schon in jungen Jahren angefangen zu haben, jeden Tag eine Seite englischen Text zu lesen, und dessen Bedeutung zu verstehen. "Das Gleiche bringe ich meinen eigenen Kindern bei." "Hast du Hoffnung?", frage ich beim Abschied. "Ich muss Hoffnung haben, ich habe gar keine andere Wahl. Ich muss jeden Tag das Überleben meiner Familie sichern", antwortet er mit nüchterner Stimme.

Immer noch Chaos. Einer der israelischen Soldaten hängt, anscheinend gelassen, in seinem Stuhl. Einzig das rastlose Wippen seines Beines verrät seine innere Spannung. Sobald die Soldaten sich erheben und herumspazieren, recken sich die Köpfe der PalästinenserInnen und ihre Augen folgen den Soldaten, jedem einzelnen ihrer Schritte.

Zufällig treffen wir auf den Britischen Konsul, mitten im schummrigen Checkpoint, er ist mit einem offiziellem Besuch aus Grossbritannien im Schlepptau unterwegs. Ich liefere dem sympathischen Besuch eine Übersicht der Checkpoint-Installation und deren Funktionsweise. Analytisch, objektiv, ohne Dramaturgie. Um uns herum, die Wartehalle voller frustrierter PalästinenserInnen, Anspannung liegt in der Luft. Dabei Schamgefühle meinerseits. Wir sind nur Zuschauerinnen – wie die Einführung in eine Museumsausstellung, eine Performance mit Menschen. Zu erwähnen, wie sehr die Palästinenserinnen darunter leiden, ist überflüssig. Er sieht es mit eigenen Augen. "Eure Arbeit hier ist sehr wichtig", sagt der Konsul. Heute jedoch spüre ich nicht viel davon.

Ich rufe eine Koordinationsstelle der israelischen Armee an, um Druck auszuüben, etwas gegen die gegenwärtige Chaos-Situation zu unternehmen und die Menschen durchzulassen – einmal, zweimal, fünfmal rufe ich an. Zuerst freundlich, dann bittend, fast flehend, schliesslich bestimmt, innerlich schreit es in mir, meine Selbstkontrolle arbeitet jedoch auf Hochtouren, beim fünften Mal den letzten Joker ausschöpfend. Mit einem drohenden Ton setz ich die schläfrige Stimme am andere Ende davon in Kenntnis, dass der britische Konsul im Checkpoint anwesend sei und er, sehr besorgt um die Situation, über diese Zustände berichten werde ("So better hurry up"). Plötzlich meine ich zu hören, wie die Stimme der Soldatin aufwacht. Haben meine Anrufe schlussendlich der Situation geholfen? Diese Dinge werden wir selten erfahren.

Auf dem Weg nach Hause eine der Alltagspflichten: Brot besorgen. "Das ist kein Brot, das ist Keit", hat mich das letzte Mal der Verkäufer gelernt. Also bestelle ich dieses Mal ‘Keit’. Mit einem fast unmerklichen Lächeln auf den Lippen überreicht er mir das ‘Keit’; er merkt, dass ich mich an seine frühere Bemerkung erinnere. Diese kleine Interaktion lässt mir wieder ein wenig warmer ums Herz werden und meine negativen Emotionen des Morgen für ein paar Sekunden wegwischen. Zuhause angekommen werde ich jedoch in einen dreistündigen, tiefsten Schlaf fallen – mein Kopf hat, wie so oft hier, wieder einmal viel zu verarbeiten.

Kategorie:
Blog, Israel, Palästina

Permalink: Ratlos rastlos - 29 Januar 2012 | trackback

Hinterlasse eine Nachricht

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  


Letzte Aktualisierung: 23.05.2012