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Zeugnis demolierter Existenzen - 07 Februar 2012
„Die Zerstörung eines Hauses ist die Zerstörung einer Familie“. Dies sind die Worte von S. Shawamreh, einem palästinensischen Familienvater. Sein Haus in Jerusalem wurde vor einer Woche von der israelischen Behörde mit Hilfe des Militärs abgerissen. Einer der in der Vergangenheit von Israel oft genannten Gründe für das Abreissen palästinensischer Häuser war die Bestrafung oder Abschreckung palästinensischer Selbstmordattentäter. Shawamreh’s Zitat jedoch lässt in mir jedoch Zweifel aufkommen, ob diese Strategie nicht genau das kreiert, was unterbunden werden will.
Was war passiert? Mitten in der Nacht hatten wir einen Anruf bekommen: „Hauszerstörungen in Anata im Gange!“ Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg, um die Schauplätze bei Tageslicht zu besichtigen und zu dokumentieren. Kurz bevor wir den ersten Ort erreichen, passiert uns in der Gegenrichtung schon ein Fahrzeug des Roten Kreuzes.
Wir betrachten das erste Haus bzw. was noch davon übrig ist: Ein grauer Schutthaufen, herausragende Metallstangen, davor eine Anhäufung von Möbeln, daneben palästinensische Frauen sitzend. Auch ein Jeep der UNO, die es in Jerusalem wie Sand am Meer gibt, ist schon zur Stelle.
Drei Tage zuvor hatte die Familie Amar – ein Vater mit seinen zwei Frauen und 17 Kindern – von der israelischen Behörde den Befehl bekommen, ihr Haus zu verlassen. Trotz des Befehls blieb die Familie jedoch im Haus. Wieso? Sobald in Ostjerusalem oder der Westbank von der israelischen Behörde ein Abrissbefehl für palästinensische Häuser ausgestellt wird, tauchen die israelischen Bulldozer gleichentags, später oder nie auf – meistens ohne Warnung bezüglich eines Abrissdatums.
Um drei Uhr Nachts hatten ca.100 israelische Soldaten und einige Bulldozer die Familie aus dem Schlaf gerissen. Der Vater widersetzte sich dem Abriss und wurde dabei von einem der Soldaten im Gesicht leicht verletzt. Das Haus wurde in Trümmer gelegt, dann verschwand das Militär.
Zwei Stunden vor dem Abriss dieses Hauses hatte das Militär schon andere Häuser heimgesucht. „Wahrscheinlich hatten sich die Soldaten in der Zwischenzeit für eine Teepause in ihre Militärstation zurückgezogen, um Kräfte zu tanken“, sagt mir ein Palästinenser mit angedeutetem, jedoch verbittertem Schmunzeln. Wir machen uns also auf den Weg zur nächsten Leidensgeschichte.
Der nächste Trümmerhaufen, Familie Shawamreh: Ihr Haus wurde seit 1998 schon fünf Mal abgerissen. Drei Mal hatte er eine Baubewilligung beantragt, dafür 15’000 Dollar gezahlt. Genehmigt wurde keine einzige – zahlen musste er trotzdem. Für ihn sei es wie ein Erdbeben, sagt der aufgebrachte Vater; ob er damit nur den Zustand seines Hauses, oder auch sein eigenes, inneres Befinden meint, kann ich nur erraten.
„Wir sind zweifache Flüchtlinge“, erzählt mir der Vater. „1948 mussten wir aus Israel in die Altstadt Ostjerusalems flüchten. Als Israel 1967 Ostjerusalem illegal besetzte und aneignete, flüchteten wir von der Altstadt in ein Flüchtlingslager am Stadtrand. Doch Israel will uns einfach nicht hier haben. Während sich die illegalen israelischen Siedlungen um uns seit 40 Jahren immer mehr vergrössern, wurde den Palästinensern nicht erlaubt, auf ihrem eigenen Land einen Meter weiter zu expandieren. Wo sollen denn unsere Kinder leben, wenn sie heiraten?“
Wieso werden palästinensische Häuser durch die israelische Behörde demoliert? Die Gründe sind vielfältig: Nicht-Besitz von Baubewilligungen (deren Erwerb theoretisch möglich ist, in der Praxis jedoch selten an Palästinenser ausgestellt werden); die palästinensischen Häuser seien zu nah an israelischen Siedlungen oder Strassen, welche exklusiv von Israelis benutzt werden dürfen (obwohl die Häuser zuerst dort waren); das ‘Reinigen’ von grossflächigen Landteilen für Militär- und Sicherheitszwecke; oder die kollektive Bestrafung von Familien von Selbstmordattentätern oder generelle Abschreckung für solche, die unter einem solchen Verdacht stehen – dies stellt jedoch nach internationalem humanitärem Recht ein Kriegsverbrechen dar, nicht weniger als der Akt des Selbstmordattentäters selbst.
Auch das Prinzip der ‘Abschreckung’ ist fraglich: laut einer Studie von E. Serraj des ‘Gaza Community Mental Health Program’ existiert eine hohe Korrelation zwischen Menschen, die zu Selbstmordattentätern werden, und solchen, deren Haus in der Vergangenheit von der israelischen Behörde demoliert worden war. Dieser Zusammenhang wäre nicht verwunderlich: Hausdemolierungen wirken meist als Trauma und können nach Forschungen u.a. stressbedingte Gesundheitsprobleme oder Gewalt in der Familie mit sich ziehen.
Nicht nur die Häuser selbst werden demoliert; in Jerusalem wurde das System eingeführt, dass Palästinenser den Abriss ihres Hauses selbst bezahlen müssen – welches auch das Mittagessen für die Soldaten der Besatzungsmacht beinhalten kann, wie wir vor kurzem von M. Margalit, einem Mitglied des Stadtrats Jerusalems, aufgeklärt wurden. Zusätzlich müssen die Palästinenser hohe Strafen zahlen, da ‘illegal’ gebaut wurde. Um diesen immensen Kosten zu entgehen, haben dafür die ‘Selbst-Demolierungen’ der Häuser durch Palästinenser zugenommen. Was in den offiziellen Statistiken ersichtlich ist: weniger palästinensische Häuser werden durch Israel in Jerusalem demoliert (z.B. Im 2010 ein Rückgang von 112 auf 97 Fälle) – die USA wird sich befriedigt zurücklehnen. Wer jedoch genauer hinschaut, wird eine steigende Zahl von ‘Selbst-Demolierungen’ nicht übersehen können (im 2010 eine Erhöhung von 49 auf 70 Fälle, jedoch wird eine noch höhere Grauzahl vermutet). 2011 gab es einen Rückgang an Hausdemolierungen jeglicher Art – dies auch aufgrund besonders starken internationalen Druckes.
Während jedes Land Vorschriften für Bauplanung hat, ist nach der israelischen Bürgerrechtsgruppe ‘ICAHD’ (Israeli Commitee Against House Demolitions) Israel das einzige westliche Land, welches einer spezifischen nationalen Gruppe systematisch Baubewilligungen verwehrt und deren Häuser demoliert. Diese Ausgangslage zwingt die PalästinenserInnen, ‘illegal’ zu bauen. Israelische Mitglieder von ICAHD ketten sich als Akt von Solidarität und Widerstand beispielsweise an vom Abriss bedrohte palästinensische Häuser.
Unabhängig von den Motiven für diese Bauvorschriften (‘Sicherheit’ oder die ‘Judaisierung Jerusalems’ – von Israel offiziell im ‘Masterplan 2020′ festgehalten), verletzt diese Politik die fundamentalen Menschenrechte der PalästinenserInnen. Die genannten Vorschriften führen dazu, dass PalästinenserInnen zum forcierten Verlassen des eigenen Landes gezwungen werden, auch ‘leiser Transfer’ genannt. Laut der Vierten Genfer Konvention ist eine Besatzungsmacht, in diesem Fall Israel, verpflichtet, für die Sicherheit und das Wohlergehen der Menschen unter der Besatzung zu sorgen – das scheint hier jedoch mehr eine Utopie zu sein.
Das Einzige, was den Menschen übrig bleibt: weiter machen. Wieder aufbauen. Und warten, bis der nächste Abrissbefehl ins Haus flattert.
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