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Afghanistan

Shafika Yarqin: Zur Zeit herrscht Aufbruchstimmung

Zur Person: Frau Shafika Jarkin stammt aus einer usbekischen Familie in Nordafghanistan, hat Literaturwissenschaften und Soziologie studiert. Sie ist Frauenaktivistin, Journalistin, Schriftstellerin und seit kurzem stellvertretende Frauenministerin der afghanischen Regierung. Im April 2002 nahm sie an einem von TRIALOG veranstaltetem internationalen Seminar zum Thema „Menschenrechte und Entwicklung“ in Wien teil.

HORIZONT3000: Was ist das dringendste Problem der Frauen in Afghanistan?
Die Sicherheit der Frauen, ihre Ausbildung, ihre finanziellen Schwierigkeiten und ihre Freiheiten.

Welche Strategien gibt es, um Sicherheit und Ausbildung der Frauen im ganzen Land zu ermöglichen und um finanzielle Schwierigkeiten zu beheben?
Wir haben klare Vorstellungen darüber, wie wir vorgehen wollen und wie wir es angehen wollen. Das größte Problem ist aber, dass wir ohne Geld dastehen und aus diesem Grund sind wir auf die Hilfe von Organisationen aus dem Ausland angewiesen.
Die meisten Probleme hängen zusammen und wenn wir das eine lösen, so lösen wir das andere auch. Zum Beispiel: die Bildung: wenn die Frauen eine bessere Bildung haben, dann können sie auch ihre Freiheiten selber erkämpfen. Mit der Gesundheit und mit der finanziellen Belastung hängt das auch zusammen. Das wichtigste ist die Bildung und die Vermittlung der Freiheitsgefühle.

Wie glauben sie, das Problem der Sicherheit in den Griff zu kriegen?
Zur Zeit ist die Situation so, dass die Macht in den einzelnen Gegenden bei den sog. „Warlords“ liegt, nämlich bei denjenigen, die auch mithilfe von Waffen früher schon die Macht ausgeübt haben. Das ist immer noch so. Wir hoffen, dass wir mithilfe von ausländischen Militär und ausländischen Regierungen diese Leute mit der Zeit entwaffnen können und die Macht und die Kontrolle in die Hand der Einheimischen bzw. an die reguläre Armee übertragen. So hoffen wir, dass wir die Macht von den einzelnen lokalen Warlords übernehmen können und dass es eine genaue Kontrolle gibt.

Wie war die Situation der afghanischen Flüchtlinge speziell für die Frauen in Usbekistan, wo Sie vor Ihrer Rückkehr als Vizeministerin im Exil gelebt haben? Wie ist die Situation jetzt? Kommen viele Leute zurück? Wie ist die Lage der Sicherheit speziell von den Frauen?
Die Sicherheit der afghanischen Flüchtlinge war in jedem Land unterschiedlich, man kann Usbekistan, Pakistan und Iran nicht vergleichen.
Es gibt sehr viele Leute die jetzt zurückkehren, täglich kommen 10.000e aus den verschiedenen Ländern. Die meisten wollen nicht in die eigentliche Heimat zurückkehren, sondern wollen in den Großstädten bleiben, z.B. in Kabul oder Mazar el Sharif. Das stellt eine Herausforderung für die Versorgung mit der Infrastruktur dar, die Leute wollen nicht zurück wo sie herkommen, sondern in die größeren Städte, wo es Sicherheit gibt.

Wie kann man sich die große Menge an RückkehrerInnen vorstellen, wie werden sie aufgenommen, wie ist die Versorgung, die Wohnung?
Es kommen sehr viele Leute und die Versorgung ist überhaupt nicht gut, denn die Menschen finden nichts zum Wohnen. Es gibt kaum Schulen oder richtige Klassen; die meisten sitzen am nackten Boden und sind den Witterungen, dem Regen und der Sonne ausgeliefert. Verglichen mit den ländlichen Gebieten ist es immer noch viel besser in der Großstadt, wo die Hilfe der ausländischen Organisationen auch besser ist. Deshalb bleiben die Leute eher in den großen Städten. Hier liegt auch das Hauptaugenmerk der Hilfsorganisationen und der UNO.

Wie ist die Stimmung unter den RückkehrerInnen? Ist sie so, dass sie sagen, „Wir bauen dieses Land jetzt auf“?
Es herrscht zur Zeit Aufbruchsstimmung. Die meisten Personen haben im Ausland, vor allem im Iran und in Pakistan unter schwierigsten Bedingungen gelebt. Sie wurden nie als echte Flüchtlinge anerkannt und sie haben auf Sicherheit gewartet, dass es im Land etwas ruhiger wird, denn sie wollen nicht im Ausland leben, sondern in ihrem eigenen Land. Auch wenn es unter schwierigeren Bedingungen sein sollte als im Ausland. Und die meisten Leute kommen voller Hoffnungen und wollen sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen. Die Stimmung ist unter den RückkehrerInnen sehr positiv und sehr gut.

Was hat sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes im Alltag der Frauen geändert?
Es hat sich seither viel bei den Ausbildungsmöglichkeiten und bei der Beruftätigkeit für Frauen verändert. Früher haben die Frauen ohne ihre Ehemänner nicht das Haus verlassen dürfen. Jetzt können sie einen Beruf ausüben oder einkaufen gehen und sie können sogar Ministerien besetzen.
Sie können sich überall für einen Job oder eine Ausbildung bewerben. Jetzt kommt die Loya Jirga, wo die Frauen die gleichen Rechte haben und wo sie als Vertreter des Volkes gewählt werden können. Sie können auf der Universität alles studieren.
Dennoch haben sie immer noch nicht die gleichen Rechte wie die Männer. Noch immer dürfen die meisten Frauen ohne ihre Männer nicht das Haus verlassen, und nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Das ist die Tradition; die Männer wünschen sich das.
Eine Minderheit von Frauen genießt eine Ausbildung, die meisten sind immer noch vom Familienoberhaupt abhängig

Wie viele Frauen sitzen derzeit in der Loya Jirga?
Wir haben verlangt, dass mindestens 25% der Abgeordneten Frauen sein sollten. Aber andererseits gibt es nicht so viele Frauen, die diese Qualifikation, Ausbildung und Selbstvertrauen haben, aber wir hoffen, dass wir diese 25% sicherstellen können.

Sie haben jetzt ein Frauenministerium. Wie ist die Zusammenführung der verschiedenen Frauenorganisationen, die in den verschiedenen Ländern tätig waren oder sind?
Die Weltöffentlichkeit und die UNO haben bei der Konferenz in Bonn verlangt, dass ein Frauenministerium entsteht. Es wurde die Frauenministerin Sima Samar bestellt, und sie hat auf eigene Entscheidung die weiteren Mitarbeiterinnen ausgesucht. Die Frauenministerin hat sehr viel Zeit im Ausland verbracht und daher hat sie gute Beziehungen zu verschiedenen NGOs, speziell Frauen-NGOs.

Werden noch Kontakte zu Organisationen aufgenommen?
Glücklicherweise werden wir von der ganzen Welt sehr gut beobachtet und alle wollen an erster Stelle uns Frauen helfen und darüber sind wir sehr froh.
Wir nehmen immer noch Verbindungen zu den verschiedenen Organisationen auf und ich selber treffe mich täglich mit mindestens zwei Hilfsorganisationen. Und wir versuchen weiterhin Kontakte aufzubauen. Die meisten Kontakte werden nicht von uns aufgenommen, sondern von ausländischen Organisationen, die uns helfen. Da gibt es überhaupt keine Schwierigkeiten und der Prozess ist weiterhin am Laufen.
Aus Tadschikistan haben wir bis jetzt keine Kontaktaufnahme und konnten uns nicht darum sorgen, weil wir zu beschäftigt sind. Wir wünschen uns, dass sie sich mit uns in Verbindung setzen, dass sie sich bei uns registrieren lassen und dass wir wissen, was im Land vor sich geht.

Wie wird die Zukunft sein, werden sie beide weiter Ministerinnen und Vizem. sein? Wie wird die Zukunft nach der Loya Jirga?
Bei der Konferenz in Bonn wurde vereinbart, dass diese Übergangsregierung für sechs Monate bestellt wird. Nach der Ratsversammlung wird festgestellt, wer das Land regiert und welche Ministerien an wen gehen. Deswegen können wir jetzt nicht sagen, was sich nachher abspielen wird. Aber wir erwarten, dass die ganze Regierungsmannschaft auseinander fällt.
Aber egal was kommen wird, es kann sein, dass diejenigen, die kommen werden, sich Minister aus der Übergangsregierung aussuchen werden und ich kann mir gut vorstellen, dass  ich unter der neuen Regierung eine Aufgabe finden werde.

Unterstützt Usbekistan die Bestrebungen der usbekischen Volksgruppe in Afghanistan?
Usbekistan hilft in dieser Hinsicht überhaupt nicht, und hat bis jetzt nie geholfen.
Die usbekischen Flüchtlinge wurden gegenüber anderen Flüchtlingen in keiner Weise bevorzugt, sie wurden wie Fremde behandelt. Und wir haben überhaupt keine Hilfe, weder kulturell, noch finanziell, noch sprachlich.

Die Universitäten haben keine Beziehung?
Nein, keine Beziehungen. Unsere Kinder sind in Usbekistan aufgewachsen und haben keine gute Ausbildung dort erhalten. Sie wurden nicht einmal auf der Universität aufgenommen. Nachdem das Talibanregime weg ist, hat der usbekische Präsident ein(einziges)mal Afghanistan in einer Rede erwähnt, und da hat er gesagt, dass es in Afghanistan zu einem Föderalismus kommen müsse und zu einer Sitzverteilung in der Großen Ratsversammlung je nach Größe der Volksgruppen. Das war die einzige Unterstützung von der usbekischen Seite.

Wie war das Zusammenleben mit den einfachen usbekischen Menschen im Exil?
Vor der Entstehung der Sowjetunion hat es keine richtigen Grenzen gegeben und die Afghanen haben Usbekistan besuchen können und umgekehrt. Aber mit der Entstehung der Sowjetunion ist die große Grenze gekommen, dies hat die Familien getrennt und es ist soweit gekommen, dass es sogar sprachliche Unterschiede gegeben hat, sodass die Usbeken in Usbekistan eine Spur anders gesprochen haben, nämlich gemischt mit Russisch. Aber die Bewohner in Grenznähe sind sich in vieler Hinsicht ganz ähnlich, ihre Kultur und ihr Charakter ist immer noch gleich geblieben.

Wie ist die Situation der Bildungseinrichtungen und der Universitäten? Wann wird es wieder ein normales Bildungswesen geben?
Afghanistan hat in dieser Hinsicht Glück gehabt, denn die meisten Universitäten wurden nicht so stark beschädigt. Jetzt nach der Wende haben die meisten Fakultäten die Möglichkeit gehabt, den Normalbetrieb wieder aufzunehmen und sehr viele Leute haben sich für die Aufnahmetests beworben. Auch unter der Talibanregierung waren die Universitäten nie zur Gänze gesperrt, nur die Frauen durften nicht zur UNI gehen.
Es gibt sehr viele Professoren, die zur Zeit im Ausland sind. Und wir arbeiten daran, dass sie in Kürze zurückkehren. Und dass es dann genauso weitergeht wie vor dem Krieg.

Werden die Intellektuellen zurückkommen?
Wir sind ganz sicher, dass die früheren Professorinnen und Professoren nach Afghanistan zurückkehren wollen. Die warten nur auf eine glaubwürdige Sicherheit, um dann unter allen Umständen in Afghanistan zu leben und zu lehren.
Was die jüngeren Intellektuellen betrifft, da sind wir uns nicht sicher, weil sie haben sehr viel Zeit im Ausland verbracht haben und niemand weiß, wann sie kommen werden.

Bildungsprojekt "Stimmen aus dem Süden", mit freundlicher Genehmigung von HORIZONT3000, Österreich.

 

Letzte Aktualisierung: 08.02.2012