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05. Juni 2012 08:00 bis 23:59 | Ort: An 14 Schweizer Orten
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Bangladesch

Mohammed Shagor Hossain: Ein Traum auf drei Rädern

„Chef, etwas mehr links!“, schreit mein Rikscha-Fahrer einem Kollegen zu. Ich habe Shagor für den Tag gebucht und ihn für 10 Uhr nach Hause bestellt. Doch um dem Morgenverkehr auszuweichen, erscheint er viel früher. Schliesslich kommt es nicht oft vor, dass ihn ein Kunde im Voraus bucht und ihm für einen 10 bis 17 Uhr-Job 500 Taka (8.50 Franken) zahlt. An guten Tagen, erklärt Shagor, könnte er gleich viel von morgen 7 bis abends 7 Uhr verdienen, an schlechten Tagen gar nur 300 Taka.

Der 38- jährige Mohammed Shagor Hossain ist vor 20 Jahren mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder auf der Suche nach einem besseren Leben aus Khalishpur in Khulna, im Süden Bangladeschs, nach Dhaka gekommen. Zuerst arbeitete er als Busfahrer für die staatliche Bangladesh Road Transport Corporation BRTC, verlor jedoch diesen Job, als BRTC begann, ihre Busse privat zu leasen. Seither fährt er Rikschas.

Während wir uns durch den Verkehr auf der Satmasjid Road kämpfen, stossen hinter uns zwei Rikschas bei einem Überholmanöver ineinander. „Shala!“, flucht Shagor, tritt in die Pedale, dreht sich um und grinst verschmitzt – ihm fehlen drei Vorderzähne ... „Keine Sorge“, versichert er, „ich bin Profi, in meiner Rikscha passiert dir nichts.“

Shagor lebt mit seiner Frau und seiner jüngeren Tochter in Agargaon. Die ältere Tochter lebt mit seinen Schwiegereltern in einem Dorf in Mymensingh im Norden Bangladeschs. Es sei zu teuer, sagt er, zwei Töchter in der Stadt aufzuziehen. Ausserdem besuche das Mädchen im Dorf eine freie Schule und fühle sich so wohl bei seinen Grosseltern, dass es gar nicht mehr nach Dhaka wolle. Nach der gewaltsamen Vertreibung aus einem Slum während der letzten Regierungswahlen, liess sich Shagor vor vier Jahren in einem anderen Slum nieder, wo er seither lebt. Für die Hausmiete bezahlt er 300 Taka pro Monat. Ein Stromanschluss würde weitere 200 Taka pro Monat kosten, was er sich kaum leisten kann. Einen guten Teil seines Tagesverdienstes muss er dem Rikscha-Besitzer abgeben: 80 Taka pro Tag sind kein Pappenstiel. Warum nimmt er kein Darlehen auf und kauft seine eigene Rikscha? Sie würde ihm inklusive Registrierung 25’000 Taka (425 Franken) kosten. „Wer würde mir schon ein Darlehen gewähren“, sagt er, „ich hab doch keine Sicherheiten, um dafür zu bürgen.“

Ich bitte ihn, zu ihm nach Hause zu fahren. Da er meint, ich mache einen Witz, bitte ich ihn ein zweites Mal. „Ich glaube nicht, dass du zu mir kommen solltest“, sagt er, „du würdest dich nicht wohl fühlen.“ Agargaon ist ein angenehmes Quartier, in dem mehrere nationale und internationale Organisationen und NGOs ihren Sitz haben. Die Gegend ist vom Verkehrswahnsinn noch unberührt. Über kurvenreiche Strassen gelangen wir zu Shagors Hütte. Seine junge Frau Sharmeen ist gerade dabei, dass Essen zuzubereiten. Ihr zweijähriges Mädchen springt freudig zum Vater hoch. Vor der Hütte stehen drei Lehmherde. Im Innern befinden sich ein schmales Doppelbett und ein Bambus-Regal. Spasseshalber sage ich, wir seien zum Mittagessen gekommen. „Kein Problem“, lacht Sharmeen, „es hat für alle. Es ist vielleicht nicht viel, aber ich freue mich, wenn du bleibst.„

Zurück auf der Strasse fahren wir Richtung Universität. Dabei erfahre ich, dass Shagor die Schule abgeschlossen hat und dennoch als Rikscha-Fahrer arbeitet. Doch er gibt sich glücklich, überhaupt einen Job und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Obschon es keine offiziellen Zahlen gibt, denn viele Rikschas sind gar nicht registriert, gibt es in der Stadt laut Schätzungen über eine Viertelmillion Rikschas. Rikscha fahren ist zwar extrem anstrengend, insbesondere in den Sommermonaten, aber es ist eine günstige und umweltfreundliche Fortbewegungsart in der Hauptstadt – und eine gute Einkommensquelle für viele arme Leute wie Shagor.

von Hana Shams Ahmed, Redaktorin bei The Star, dem Wochenendmagazin der Tageszeitung The Daily Star; Artikel erschienen in der Nr. 2/2009 von „Eine Welt“, das Magazin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA.
http://www.deza.admin.ch/

 

Letzte Aktualisierung: 23.05.2012