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Chile

Maribel Madera: Wir wollen, dass unsere Rechte respektiert werden

Zur Person: Maribel Madera erzählt von ihren eigenen Erfahrungen aus der Arbeit mit Frauen in einem Elendsviertel (población) der Hauptstadt Santiago de Chile. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt, Witwe – ihr Mann wurde ermordet. Sie hat einen 18jährigen Sohn.

Ich hatte Arbeit. Ich arbeitete in einem Unternehmen einer christlichen Organisation, die von Deutschen subventioniert wurde, glaube ich. Ich hatte um die Erlaubnis gebeten, der Arbeit fernzubleiben, weil ich an einem Frauentreffen in Kolumbien teilnehmen wollte. Als ich zurückkam, haben sie mich rausgeschmissen.

Nun habe ich nichts mehr. Ich war gezwungen, mein Leben vollständig zu verändern, mein Haus zu verlassen, das ich nicht mehr bezahlen konnte; ich musste meinen Sohn aus der Schule nehmen, weil ich auch die nicht mehr bezahlen konnte. Ich lebe praktisch von der Wohltätigkeit derer, die mich kennen, die wissen, dass ich in den poblaciones arbeite. So bekomme ich einen Teller mit Essen, eine Tasse Tee.

Ich wurde gekündigt, weil ich zu diesem Treffen gefahren bin. Auf meiner Arbeitsstelle gab es nur eine einzige politische Richtung. Trotzdem war ich nie gegen sie, mich interessierte nur meine Arbeit. Aus keinem anderen Grund konnten sie mich kündigen, ich habe ihnen niemals einen Anlass dazu gegeben.

Als ich damals begonnen habe in den poblaciones zu arbeiten, konnte ich auf meinen Lohn verzichten, da mein Mann genug verdiente, um unser Auskommen zu sichern. Ich war in einer Partei, ich kämpfte immer, was auch geschah. Erst vor vier Jahren haben wir angefangen, die verschiedenen Aufgaben voneinander zu trennen. Vorher arbeiteten wir eher allgemein in den poblaciones, jetzt haben wir ein eigenes Frauenreferat, eine Gewerkschaftsgruppe und so weiter. Ich arbeite so, ausschließlich mit Frauen, erst seit vier Jahren.

Die Arbeit in den poblaciones ist eine spezifische Form des Kampfes in Chile. Wir haben beispielsweise mit Obdachlosenkomitees gearbeitet. Wir beginnen mit Umfragen unter denen, die keine Unterkunft haben, deren Eltern .... Wir erklären ihnen, dass ein verheirateter Sohn, der im Haus seiner Eltern lebt, ein Allegado ist. Das sehen viele nicht ein. Wir fragen sie: Leben Allegados bei euch? Nein. - Wieviele von der Familie wohnen denn in diesem Haus? Wir, unsere verheirateten Söhne, ihre Frauen. – Das sind Allegados. – Nein, sie gehören zur Familie, das sind keine Allegados. – Wir müssen ihnen erklären, dass sie für sich eine Unterkunft brauchen. Danach gründen wir Obdachlosenkomitees, Wohnungskomitees, manchmal bekommen sie einen neutraleren Namen.

Wir beschäftigen uns auch mit Gewalt. Wir führen Dias und Kassetten vor über die Probleme der Frauen in ihrer Gesamtheit. Mit frauenspezifischen Problemen haben wir uns noch nicht auseinandergesetzt, weil die Bedingungen dafür nicht vorhanden sind; wenn es Vergewaltigungen gibt, wird das verheimlicht, man erfährt nichts davon. Die Frauen leiden mit ihrem Körper, wenn sie so stark unterdrückt werden wie wir, die wir ohne Arbeit, ohne Nahrung leben. Das ist Gewalt gegen den Körper. Aber wir sollten auch über andere Formen von Gewalt reden; es gibt manchmal Fälle, wo Frauen von ihrem Mann misshandelt und geschlagen wurden. Die Frauen haben Angst. Sie denken an ihre Kinder, die ihren Schutz brauchen. Sie wissen, dass sie verfolgt werden, wenn sie zu laut sprechen und sie fragen sich: “Was wird dann aus meinen Kindern?“

Wir versammeln uns einmal im Monat, das letzte Mal haben wir über ökonomische Probleme geredet, das ist eine dringende Frage im Augenblick, und wenn wir nicht anbieten, was sie verlangen, kommen sie nicht mehr zu den Versammlungen.

Die Unterscheidung zwischen bezahlter Arbeit und Hausarbeit ist falsch, künstlich. Hausfrauen sind ebenso Arbeiterinnen wie alle anderen auch. Die Frauen aus den poblaciones wissen das, sie fragen: Wieso spricht man von arbeitenden Frauen? Wir können zwischen ihnen und uns keinen Unterschied machen.

Wir haben Umfragen veranstaltet – nicht um Lohn zu fordern, sondern um irgendwie zu  erreichen, dass die Frauen sich einmal ernsthaft überlegen, wie viel sie verdienen werden, wenn sie Lohn erhielten, und das bei fünfzig und mehr Stunden in der Woche. Nicht um etwas zu fordern, sondern damit sie sich Rechenschaft über die Arbeit geben, die sie leisten. Sie finden ihre Arbeit ganz normal, sie sind dazu erzogen worden, Hausfrau zu sein und Kinder zu erziehen und nichts anderes. Das ist eine Verpflichtung eine Aufgabe, aber keine Arbeit. Die Frauen werden sich so darüber bewusst, was sie verdienen würden, wenn sie den Haushalt machen, kochen, die Kinder hüten, manchmal die ganze Nacht bei ihnen wachen. Sie haben eine doppelte Aufgabe: ihre Arbeit und ihren Haushalt. Sie sind doppelt ausgebeutet und doppelt unterdrückt: einerseits durch ihren Mann, andererseits durch die Regierung. Wir helfen ihnen dabei, das zu verstehen.

Wir arbeiten auch zu dem Problem der Verhütung und Abtreibung. Es gibt bei uns eine ausländische Organisation, dessen Politik darauf ausgerichtet ist, die Geburtenrate zu senken, das Ziel, den Klassenkampf zu schwächen. Für uns bedeutet das, wenn Menschen weniger Kinder haben, verringert  sich die Armut. Auf diese Weise sollen Konflikte entschärft werden. Aber eine solche Politik wird  abgelehnt.

Wir haben Kampagnen für die Landbesetzungen durchgeführt. Auf dem Umweg über die Kaufhäuser: Wir haben Flaschen und Zeitungen verkauft. Schließlich ist es uns gelungen, das notwendige Geld für den Kauf des besetzten Geländes zusammenzubringen. Nicht der Staat, sondern das Volk selbst hat die Lösung gefunden. Später werden  wir uns einer anderen Gruppe anschließen, die ein anderes Gebiet besetzt hat. Die Verzweiflung kennt keine Grenzen mehr: Wenn es notwendig ist, müssen wir eine bewaffnete Verteidigung organisieren! Das muss vor Weihnachten geschehen. Wenn ihr davon erfahrt, werden wir die Solidarität aller brauchen. Ihr müsst erklären, wieso wir so handeln, damit niemand glaubt, dass wir damit Unruhe stiften wollen. Wenn wir das Gebiet verlassen, werden sie es anderen geben. Sie wissen keine Lösung. Wir sind gezwungen Land zu besetzen.

Bildungsprojekt "Stimmen aus dem Süden", mit freundlicher Genehmigung von HORIZONT3000, Österreich. 

 

Letzte Aktualisierung: 24.05.2012