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Costa Rica

Elvia Guzmann Alcazar - Bed & Breakfast in Costa Rica
Nach meiner Scheidung, 1990, war es gar nicht einfach, mich in meinen neuen, anspruchsvollen Beruf einzuleben, hatte ich doch noch nie ausser Haus gearbeitet. Zum Glück konnte ich halbtags arbeiten und war mein jüngstes Kind damals schon achtjährig. Gut war auch, dass meine zwei Erstgeborenen Töchter sind, und dass ich alle meine sieben Kinder von Anfang an zu selbständigen Personen erzogen habe. Dennoch war es nicht einfach für sie, sich daran zu gewöhnen, dass ich nicht mehr den ganzen Tag für sie da war.
1954 kam ich als eines von 12 Geschwistern in einfachen Verhältnissen zur Welt. Zurückblickend auf meine Kindheit steigen schöne Erinnerungen in mir auf an unser Dörflein zwischen Kaffeepflanzungen, Flüssen und Weiden. Obwohl wenig geschult, waren meine Eltern weitsichtig genug, mir den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen. Gerade 20 Jahre jung heiratete ich, folgte von da an meinem Mann und hatte als Hausfrau und Mutter von sieben Kindern alle Hände voll zu tun. Als Ehefrau hatte ich selten Kontakt mit Menschen aus anderen Lebensbereichen, und meine Beziehungen beschränkten sich auf Mütter und Hausfrauen, die ähnlich eingeengt waren wie ich. So erfährt man wenig vom Leben und von der Welt und bleibt gefangen in einem engen Kreis.
Seit ich arbeite, lerne ich nun Menschen aus verschiedensten Berufen und Kulturen kennen und erfahre viel über unterschiedliche Arten zu leben und zu denken. Dies ist sehr gut für die Entwicklung meiner Identität als Frau und Mutter. Nicht zuletzt deshalb habe ich oft auch ehrenamtlich gearbeitet, wenn die Vereinskasse leer war, obwohl ich TURCASA ursprünglich auf der Suche nach Einkommen beigetreten war.
Den ganzen Morgen widme ich der Hausarbeit und meinen Kindern und bereite alles für den Rest des Tages vor, vor allem die Mahlzeiten, so dass die Kinder das Mittag- und Abendessen nur aufzuwärmen brauchen. Dank meinen neuen Erfahrungen kann ich jetzt besser mit ihnen kommunizieren, sie besser verstehen und ihnen besser helfen, sich im Leben zurechtzufinden. Morgens und abends mache ich mit ihnen Hausaufgaben, und stehen uns auch nur fünf Minuten zur Verfügung, so nutzen wir die, um über ihre Freuden und Probleme zu diskutieren. Durch den Kontakt mit unseren Gästen gewinnen meine Kinder zudem direkt an Lebenserfahrung. So hat sich meine neue Rolle als Tourismus-Berufsfrau im grossen und ganzen als bereichernd erwiesen - für meine Kinder wie für mich. In ihre neue Verantwortung sind die Kinder schnell hineingewachsen, wissen sie doch, dass ich Geld verdienen muss, und dass sie ihren Teil der Haushaltspflichten übernehmen müssen. Jeden Morgen gebe ich jedem von ihnen bestimmte Aufgaben, die sie während meiner Abwesenheit zu erledigen haben, vor allem in Ferienzeiten wie jetzt. Während der Schulzeit jedoch besorge ich das meiste selber, damit das Haushalten sie nicht am Studieren hindert. Zwei meiner Töchter sind schon an der Universität, die älteste will sich auf Ökotourismus spezialisieren und die andere auf Versicherungswesen. Mein Sohn arbeitet in einem Handelshaus, und vier Töchter sind noch im Gymnasium.
Wir teilen ein Gemeinschaftsbüro im Zentrum von San José mit CANAMET, der nationalen Vereinigung touristischer Kleinunternehmen, der auch TURCASA angehört. Als einzige Angestellte bei TURCASA bin ich jeden Nachmittag „Mädchen für alles“. Über Langeweile kann ich mich nicht beklagen. Administrative Arbeiten wie Korrespondenz, Telefonbetreuung, Arbeiten am Computer, Finanzielles erledigen oder Reservationen machen; aber auch Sitzungen mit meinen Kolleginnen von TURCASA und die Organisation von Kursen, zum Beispiel Englisch, Buchhaltung, Touristeninformation, Sicherheit der Gäste, Ökotourismus; Sitzungen und Arbeitstreffen mit Beamten, Fachleuten von Organisationen, Unternehmern und Unternehmerinnen; Beratung, Information und andere Dienstleistungen für Touristen und Touristinnen: All das gehört zu meinen Aufgaben. Das Schwierigste ist, TURCASA national und international bekannt zu machen, denn ein Werbebudget haben wir nicht. Seit zwei Jahren bich ich überdies Präsidentin von TURCASA. Diese Funktion möchte ich jedoch bald abgeben, denn auf Dauer ist es nicht gut, Präsidentin und Angestellte desselben Vereins zu sein.
Tag für Tag vermittle ich Gäste an die rund 200 Frauen von TURCASA, aber keine an mich selber. Ich möchte nicht, dass die Kolleginnen denken, ich nutze meine Position zum eigenen Vorteil. Hin und wieder beherbergen wir dennoch Gäste in unserem Haus. Dort wie im Büro habe ich bisher eigentlich nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Da wohnte zum Beispiel ein Schauspieler aus Italien bei uns und probte auf unserem Balkon. Er übernahm gleich mehrere Rollen im selben Akt, und seine Mimik brachte uns alle zum Lachen. Kurz nach meiner Scheidung beherbergten wir zwei Frauen aus den USA, die eine war frisch geschieden wie ich. Da konnten wir Erfahrungen und Ideen austauschen, wie man in solch einer Situation zurechtkommt. Das half mir sehr, und während ihres kurzen Aufenthalts wurden wir gute Freundinnen.
Ob auch meine Koleginnen sich durch die Arbeit mit TURCASA persönlich weiterentwickeln, weiss ich nicht, das müsste man genauer erforschen. Sicher beeinflusst der Kontakt mit Gästen aus anderen Ländern auch sie, aber anders als ich bleiben die meisten im Haus. Hier in Costa Rica haben wir eine sehr machistische Gesellschaftsordnung: Das bedeutet beispielsweise, dass ihr Zusatzeinkommen nicht selten in die Tasche des Ehemannes fliesst und somit wenig ändert an der Rangordnung in der Familie. Bei TURCASA gibt es aber auch viele alleinerziehende Mütter wie ich, die sind auf das Zusatzeinkommen ganz besonders angewiesen. Damit können einige bloss ihre Grundbedürfnisse decken, während andere die Möglichkeit gewinnen, ihre Kinder mehr zu fördern, beispielsweise an Privatschulen.
Meine Kolleginnen berichten fast nur über gute Erfahrungen mit ihren Gästen. Meistens bedanken sich diese bei der Abreise für die Gastfreundschaft und das gute Essen, und nicht selten ergeben sich Freundschaften mit Austausch von Briefen und Geschenken. Meine Compañeras von TURCASA sind sich sehr bewusst, dass viele Touristen und Touristinnen aus dem Norden die Wärme des Familienlebens suchen, die in ihrer Heimat oft zu mangeln scheint. Viele Gäste sind Studenten und Studentinnen, die hier eine Sprachschule besuchen. Ihnen hilft die Familie beim Erlernen des Spanischen, und umgekehrt helfen diese oft den Kindern bei den Hausaufgaben, vor allem im Fach Englisch. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Gäste ihre Gastgeberin oder deren Kinder zu sich auf Besuch eingeladen haben. Umgekehrt gefällt es hier einzelnen Reisenden so gut, dass sie im Lande bleiben.
Die 400 Gästezimmer von Turcasa sind im Mittel sechs Monate im Jahr belegt, das heisst etwa zu 50 Prozent. Die meisten Gäste kommen aus den USA und Kanada, die Europäer und Europäerinnen stammen vor allem aus Italien und Frankreich. Im deutschen Sprachraum scheint TURCASA noch wenig bekannt zu sein. Mein Wunsch ist, dass die Gäste von TURCASA unsere Gastfreundschaft geniessen, dass sie wiederkommen und uns weiterempfehlen!
Aufgezeichnet von Christoph Burkard
aus: Karin Grütter und Christine Plüss (Hrsg.): Herrliche Aussichten! Frauen im Tourismus, Zürich 1996.
