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Ecuador

Emilio Grefa: Wir möchten unsere kulturelle Identität bewahren

Wir haben uns zum Tourismusprogramm entschlossen, weil wir die Lage unserer Leute in der Gemeinschaft verbessern wollten. Sobald wir aber unsere Leistungspakete beworben und verkauft hatten, kamen auch schon die unterschiedlichsten TouristInnen aus verschiedenen Ländern. Und unter diesen Menschen gab es natürlich viele, die eine völlig andere Mentalität hatten als die Menschen in der Gemeinschaft. Damit tauchten auch die ersten Probleme auf.

Eines der grössten Probleme z. B. war, dass die jungen ausländischen TouristInnen mit uns in Kontakt getreten sind, mit uns gesprochen haben, sich mit uns angefreundet und sich uns angeschlossen haben. Und dann sind sie mit unseren jungen Leuten ausgegangen. Manchmal sind sie auch in der Gemeinschaft geblieben. Das war wirklich schwierig für uns.

Ein anderes Problem war, dass die Touristen, Männer wie Frauen, sich ausgezogen und nackt gebadet haben vor den Kindern, den Jugendlichen, den Frauen... Das hat es in unserer Kultur noch nie gegeben. Die Einheimischen entkleiden sich in der Öffentlichkeit nie. Und sie haben gesagt: "Was ist denn jetzt los? Sie baden nackt, und das vor den Kindern..." Auf der einen Seite brachten die Touristen natürlich Geld, auf der anderen Seite hatten sie aber auch eine negative Wirkung auf die Leute. Und dann sind sie sogar miteinander intim geworden und das vor allen Leuten. Das war wirklich schlimm, und es hat unseren Leuten nicht gepasst.

Von da an haben wir begonnen, Regeln aufzustellen. So haben wir z.B. gesagt, dass es nicht erlaubt ist, nackt zu baden, und dass Paare ihre intimen und sexuellen Beziehungen nicht in der Öffentlichkeit ausleben sollen. Das können sie in ihren Zimmern tun, irgendwo, wo sie niemand sieht. Wir haben die TouristInnen darüber informiert, bevor sie zu uns gekommen sind.

Eine andere Regel betrifft Paare, die aus einer/einem Einheimischen und einer Touristin bzw. einem Touristen bestehen: Diese müssen die Gemeinschaft verlassen. Denn wir möchten unsere kulturelle Identität behalten. Diese könnte aber innerhalb kurzer Zeit verschwinden, wenn wir diese Paarbildungen zulassen.

Auf der anderen Seite kann man aber durchaus sagen, dass der Tourismus das Bewusstsein für unsere Traditionen wiedererweckt hat. Eigentlich waren viele unserer Bräuche schon fast verschwunden, bevor die Touristen kamen, denn die Jungen interessierten sich nicht dafür. Diese Bräuche lebten nur in den älteren Menschen weiter.

Als der Tourismus eingesetzt hat, haben wir unsere kulturelle Identität wiederentdeckt, wie z.B. unsere Musik, unsere Tänze, das Kunsthandwerk, die traditionellen Spiele... all das. Zuletzt haben sich nur noch die älteren Menschen damit beschäftigt. Aber jetzt haben wir wieder junge Musiker, junge Handwerker, junge Tänzer... Uns allen ist klar, dass wir unsere kulturelle Identität bewahren müssen. Denn deshalb kommen ja schliesslich die Touristen zu uns.

Eine weitere Regel besagt, dass wir keine gebrauchten Sachen oder so geschenkt bekommen möchten. Denn obwohl wir arm sind, heisst das noch lange nicht, dass wir Bettler sind. Am Anfang haben viele Touristen gebrauchte Kleider hier gelassen. Wir haben aber gesagt, dass unsere Gemeinden keine Müllhalden sind, auf denen man diese gebrauchten Sachen ablagern kann.

Genauso möchten wir nicht, dass einzelne Personen beschenkt werden. Wenn jemand etwas schenken möchte, dann allen. Denn wenn nur einzelne Personen Geschenke bekommen, dann kommt es zu Problemen innerhalb der Gemeinschaft. Dann heisst es: "Warum schenkst du nur einem etwas, und die anderen bekommen nichts?" So haben die Leute in unserer Gemeinschaft untereinander zu streiten begonnen, und als eine andere Gruppe kam, sagten sie, dass nur der, der ein Geschenk bekommen hat, arbeiten soll. Die anderen wollten nicht arbeiten.

Genauso wie mit den Geschenken ist es auch mit dem Trinkgeld. Wir haben gesagt, dass es kein persönliches Trinkgeld gibt. Denn wenn nur eine einzelne Person Trinkgeld bekommt, dann wird sie von den anderen schief angeschaut.

Wenn also jemand Trinkgeld geben möchte, dann gibt er es besser der Führung, also entweder dem Leiter oder dem Vorsitzenden der Gemeinschaft. Oder man kann es auch im Büro abgeben. Dieses Geld soll der ganzen Gemeinschaft zugute kommen, die ganze Gemeinschaft soll etwas davon haben, die Kinder, die Jugendlichen, die älteren Menschen... Und nicht nur einzelne Personen.

Wir haben ja gesagt, dass wir ein gemeinschaftliches Unternehmen sind. Alle finanziellen Einnahmen und auch alle anderen Einnahmen sollen der Gemeinschaft zugute kommen. Deshalb glaube ich, dass unsere Vereinigung diesbezüglich Pionierarbeit leistet. Wir sind jetzt auch national und international anerkannt.

Emilio Grefa, in: Dagmar Lassmann, Birgit Mbwisi-Henökl (Hrsg.): Stimmen aus dem Süden, edition pro mente, Linz, 2003, ISBN 3-901409-51-3. Mit freundlicher Genehmigung von edition pro mente.

Im gleichen Verlag ist auch das Methodenbuch zu Stimmen aus dem Süden erschienen: Birgit Mbwisi-Henökl: Stimmen aus dem Süden - Impulse und Methoden für Jugend- und Erwachsenenbildung, edition pro mente, Linz, 2003.

 

Letzte Aktualisierung: 08.02.2012