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Indien

Indien: Wirtschaftswachstum um jeden Preis oder Aufbau einer post-fossilen Gesellschaft?
Indien hat zwei Gesichter: Das eine zeigt ein stark wachsendes Bruttoinlandsprodukt. Autobahnenbreiten sich aus, Wolkenkratzer und Einkaufszentren spriessen wie Pilze aus dem Boden. Die Industrialisierung läuft auf der Überholspur, und die Konsumkultur ist beim reichen Teil der Bevölkerung bereits aus dem Ruder gelaufen. Und auf der anderen Seite? Jeder vierte Mensch in Indien hungert, jede dritte Frau ist mangelernährt, jedes zweite Kind hat Untergewicht. Die indische Wirtschaft erreicht Wachstumsraten um die neun Prozent und zur gleichen Zeit hat die Armutskrise das Wirtschaftssystem fest im Griff.
Indiens gegenwärtiges Entwicklungsmodell basiert auf der Theorie des Trickle-Down-Effekts. Diese Theorie nimmt an, dass der Nutzen für die Armen in Indien umso grösser ist, je höher die Wachstumsraten sind. Die Erfahrung widerspricht dem. So viel ist klar: Wachstum sichert keine Verteilung der Ressourcen, solange die marginalisierte Mehrheit der Bevölkerung nicht in den Mittelpunkt der Planungsprozesse gestellt wird.
Bei einem Entwicklungspfad im Sinne der indischen Bevölkerungsmehrheit würden die Entwicklungsziele so aussehen: Ernährungssicherheit während des ganzen Jahres, anständige Unterkünfte, eine für alle nutzbare Verkehrsinfrastruktur, Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, zu guter Bildung und zu den einfachen Annehmlichkeiten, die es braucht, um in Würde zu überleben. Das einfache Überleben für alle ist möglich, selbst dann, wenn wir die Grenzen des Wachstums erkennen und einen postfossilen Entwicklungspfad einschlagen. Die Vision einer derart veränderten Gesellschaft gibt uns Orientierung, anstehende Entwicklungsentscheidungen zum Wohle der Mehrheit zu treffen, insbesondere wenn man bedenkt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung noch keinen Zugang zu Energie hat. 54 Prozent der indischen Haushalte verfügen nicht über Elektrizität, im krassen Gegensatz zu der aufsteigenden Elite mit ihrem aufwändigen Lebensstil und dem daraus resultierenden hohen CO2-Fussabdruck. Die Schlüsselfrage ist also: Wie soll ein "Zukunftsfähiges Indien" aussehen?
Für den Zugang zu Energie in den ländlichen Gemeinden haben Organisationen der Zivilgesellschaft vielfältige dezentrale und den örtlichen Möglichkeiten
angepasste Strategien entwickelt. Laya, die Organisation, mit der ich in Andrah Pradesh arbeite, nutzt in einer abgelegenen, indigenen Siedlung gleich mehrere technische Möglichkeiten: Kleine und kostengünstige Wasserkraftanlagen produzieren Strom. Eine einfache Beleuchtung ist durch Solarlampen möglich. Effiziente Öfen kommen mit viel weniger Holz aus. Dies ist insbesondere für die Frauen eine Erleichterung in zweierlei Hinsicht: Erstens verringern die effizienten Öfen die Gesundheitsbelastung durch Luftschadstoffe und zweitens müssen die weiten Wege beim Sammeln von Feuerholz nicht mehr so häufig zurückgelegt werden. Einige Organisationen schaffen mit Biomasse Zugang zu erneuerbaren Energiequellen. Ausserdem wird an Modellen für klimaschonende Landwirtschaft gearbeitet. Diese bewerben die Vorzüge der ökologischen Landwirtschaft gegenüber der konventionellen Grossagrarwirtschaft mit ihren energieaufwändigen Düngemitteln und teuren Schädlingsbekämpfungsmitteln. Ein weiteres Beispiel sind Aufforstungsprojekte, die Bewohner von Waldgebieten anleiten, um Biodiversität und ökologische Nachhaltigkeit zu fördern. Wenn solche Initiativen in ganz Indien umgesetzt werden, können sie einen kohlenstoffarmen Pfad für nachhaltige Entwicklung sichern.
Auf die Frage, wie ein zukunftsfähiges Indien aussehen kann, gibt es allerdings
keine einfachen Antworten. Das gilt insbesondere in einem globalen Kontext, in dem die Länder des Nordens weit mehr als ihren gerechten Anteil an den fossilen Energieressourcen verbraucht haben. Die Klimakrise ist ja überhaupt erst durch einen ungleichen Prozess der Industrialisierung entstanden. Dieses Entwicklungsmodell hat die Welt nicht nur ökologisch in Gefahr gebracht, sondern auch die globale Ungerechtigkeit verschlimmert. Die Herausforderung für Indien besteht darin, ein neues Entwicklungsparadigma zu erfinden. Es geht darum, radikale Entscheidungen zugunsten einer erneuerbaren und dezentralen Energieversorgung zu treffen. Eine zukunftsfähige Entwicklung in Indien benötigt ökonomische Suffizienz, ökologische Verträglichkeit, gute Regierungsführung und Gerechtigkeit zwischen den Generationen.
Der Beitrag wurde der Publikation "Darf's ein bisschen mehr sein? Von der Wachstumsgesellschaft und der Frage nach ihrer Überwindung" entnommen. Diese spannende Broschüre von EED und Brot für die Welt will im Anschluss an Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" informieren, zum Stöbern einladen und eine Herausforderung sein zum Nach-, Mit- und Querdenken. Wiedergabe des Beitrags mit freundlicher Genehmigung.
Kategorie: Brennpunkt Tourismus, Entwicklungspolitik , Indien, Jung & Fair, Menschenrechte, Politische Rahmenbedingungen, Umwelt & Lebensgrundlagen

