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Indien

21. August 2011

Überarbeitung, Unterbezahlung und eine geringe Jobzufriedenheit bei Frauen

Eine indische Studie wirft Licht auf eine Schattenseite von Luxushotels: Hinter wohlklingenden Namen, schönen Fassaden und Hochglanzprospekten verbergen sich vor allem für weibliche Hotelangestellte schlechte Arbeitsbedingungen.

Basel, 21.08.2011, akte/ Mitarbeiterinnen von Hotels der gehobenen Klasse im indischen Delhi stehen unter grossem Stress und haben eine geringe Arbeitszufriedenheit. Besonders prekär ist die Situation für verheiratete Angestellte, weil sie ihre Berufsarbeit mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbaren müssen. Dies fördert eine Studie von Dr. Sheeba Hamid von der Aligarh Muslim University im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh zutage, die Anfang Juni an der Jahreskonferenz des Asiatisch-Pazifischen Rats für die Ausbildung in Hotel-, Gastronomie- und Heimberufen vorgestellt wurde.

In den letzten Jahren hat die Hotellerie in Delhi einen bemerkenswerten Boom erlebt. Durch die Verschärfung des Wettbewerbs steht das Personal unter einem ständig wachsenden Druck. Neue Projekte werden eingeführt, die Auslastung steigt und die Arbeitszeiten werden immer länger. Für die zu bewältigenden Aufgaben steht immer weniger Zeit zur Verfügung, mitunter aufgrund der Erwartung, dass die Einführung neuer technischer Hilfsmittel zu einer höheren Produktivität führt. Die Mitarbeitenden müssen sich in eine Arbeitskultur von perfekt funktionierenden Spitzenhotels einfügen.

Frauen in der Hotelbranche leiden unter Mehrfachbelastung
40 bis 45 Prozent der Angestellten von mit Sternen ausgezeichneten Hotels in Delhi sind Frauen. Höchste Zeit, dass ihre Situation wissenschaftlich untersucht wird. Auch in Indien zeigt es sich, dass nur wenige Frauen leitende Funktionen im Tourismus und der Hotellerie bekleiden. Frauen üben vor allem Tätigkeiten im direkten Kontakt zu den Gästen und im Personalwesen aus. Führende Positionen erreichen sie hauptsächlich in Bereichen, die gemäss dem indischen Geschlechterstereotyp als weibliche Kompetenzen gelten, wie der Hauswirtschaft, dem Guest Relations Management und dem Personalwesen.

Frauen in Führungspositionen stellen in Indien immer noch eine kaum wahrgenommene Minderheit dar. Wegen der Erwartungen von Gesellschaft und Familie und auch wegen ihres eigenen Rollenverständnisses stehen sie unter einem hohen Druck, den Balanceakt zwischen Beruf und Familie zu beherrschen. Ihre Spitzenleistungen im Beruf zählen nichts; sie müssen auch perfekte Ehefrauen, Mütter und Töchter sein. Immer mehr Frauen in Indien müssen ein Einkommen erzielen, um die steigenden Ausgaben der Familien mitzubestreiten. Sie werden zwar als Mitverdienerinnen geschätzt, aber nicht von ihren häuslichen und familiären Verpflichtungen entlastet.

So überrascht es denn auch nicht, dass unter den über 300 für die Studie befragten Hotelangestellten vor allem verheiratete Frauen und Mütter über eine hohe Stressbelastung, Unruhe und Schlaflosigkeit klagten. Der Konflikt zwischen ihrer beruflichen Belastung und ihren häuslichen und familiären Aufgaben ist für sie eine grosse Herausforderung. Die Frauen sind überzeugt, dass sie am Arbeitsplatz mehr leisten könnten, wenn sie zu Hause unterstützt würden.

Die Frauen brauchen Unterstützung für eine bessere Life-Work-Balance
Die Studie kommt zum Schluss, dass der heutige schnelle Lebensstil einen guten Umgang mit Konkurrenz und Stress und ein Gleichgewicht zwischen der Berufsarbeit und anderen Lebensbereichen erfordert. Für diesen Lebensstil bezahlen die berufstätigen Frauen einen hohen Preis und erleiden seelischen Schaden. Sie stehen unter Druck, weil sie die an sie gestellten Forderungen nicht erfüllen könnten. Dies löst Stress aus, der zu Versagen führt, was noch mehr Stress bewirkt. So entsteht ein Teufelskreis, der letzten Endes die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Wer leistungsmässig nicht mit anderen mithalten könne, werde gedemütigt und benachteiligt, führt die Autorin der Studie weiter aus. Denn wenn es um eine Gehaltserhöhung oder eine Prämie geht, zählt allein die Leistung. Der Dauerstress und die Angst, die erwarteten Leistungen nicht erbringen zu können, untergraben die Arbeitsmoral und machen die Frauen unzufrieden.

"Es muss weiter geforscht werden, um wirksame Stressmanagement-Techniken für weibliche Hotelangestellte mit Familie zu entwickeln", fordert Hamid. Ausserdem sollten die Hotels Stellen schaffen, die eine vertrauliche Beratung für den Umgang mit Konflikten zwischen den Forderungen der Berufsarbeit und den häuslichen und familiären Aufgaben anbieten.

Obwohl für die Studie ausschliesslich Angestellte von mit Sternen ausgezeichneten Hotels in Delhi befragt worden sind, haben ihre Ergebnisse weltweite Gültigkeit. Sie weisen auf einen wenig beachteten Aspekt des weltweiten Tourismusbooms hin: Die Mitarbeitenden von Hotels der gehobenen Klasse stehen unter einem hohen Arbeitsdruck und werden schlecht bezahlt. Für viele Frauen kommt die Herausforderung dazu, den Balanceakt zwischen Beruf und Haushalt zu schaffen.

Quelle: "Female Hotes Staff Face High Stress, Low Job Satisfaction", Travel Impact Newswire, 13. Juni 2011. Die vollständige Studie in Englisch kann bei der Autorin, Dr. Sheeba Hamid, bezogen werden.

Lesen Sie auch: Das Schweigen der Männer:  Belästiger und Sexgrüsel als Hotelgäste gibt es auch in der Schweiz. Schweizer Luxushotels führen angeblich schwarze Listen. Doch über die Problemkundschaft in Luxussuiten will niemand reden.

AutorIn: Jacqueline Hefti, arbeitskreis tourismus & entwicklung, Basel

Kategorie: Arbeit, Brennpunkt Tourismus, Indien


 

Letzte Aktualisierung: 24.05.2012