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Kenia

Das "leichte Geld" vom heissen Strand
Offenbar wird in der kenianischen Öffentlichkeit oft die Meinung vertreten, dass im Tourismus keine Kinder arbeiten. Die Studie, die 1995 in den kenianischen Verwaltungsbezirken Malindi, Mombasa und Kwale durchgeführt wurde, widerlegt diese Annahme klar: 86 werktätige Kinder und Jugendliche zwischen sechs und achtzehn Jahren wurden während einiger Wochen bei ihrer Arbeit am Strand begleitet und über ihre Arbeits und Familiensituation befragt. Zusätzlich führte das Forschungsteam mit 97 Gemeindemitgliedern (community members), zwanzig Eltern, achtzehn Hotelmanagern, 32 Angestellten, sechzig Touristen und Touristinnen und fünfzig behördlichen und kirchlichen Stellen sowie NGOs Interviews. In den Hotels der beliebten Fremdenverkehrsorte waren nur sehr wenige Kinder in Gelegenheitsjobs sowie einige Jugendliche als Lehrlinge anzutreffen, was auf die verstärkten Arbeitskontrollen zurückzuführen sei. Über neunzig Prozent der Jugendlichen und Kinder jedoch arbeiten ohnehin am Strand. Sie putzen, bieten sich als "Tourist Guide" an, betteln oder verkaufen Früchte und kleine Andenken. So auch die dreissig Mädchen und 56 Jungen, denen die Studie genauer nachgegangen ist. 35 von ihnen sind jünger als vierzehn, 31 zwischen vierzehn und sechzehn, einige arbeiteten bereits mit sechs Jahren. Die meisten sind acht bis zwölf Stunden täglich unterwegs und werden von Souvenirhändlern ausgeschickt, deren Waren sie verkaufen. Fast alle verdienen etwas dabei. Sie liefern das Geld zu Hause ab bei ihrer Familie, die auf das Zusatzeinkommen angewiesen ist. Im Gegensatz wiederum zu verbreiteten Meinungen stammen längst nicht alle Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen. Immerhin ein Drittel von ihnen lebt mit beiden Eltern, die Hälfte jedoch ist bei Verwandten oder Bekannten aufgewachsen. Die Mehrheit der Kinder wohnt seit weniger als zehn Jahren im Ort, und ihre Familien zogen in der Hoffnung her, in der boomenden Tourismusregion ein Auskommen zu finden. Einige von ihnen kommen sogar aus Ruanda und Somalia. Obwohl das Geld zu Hause knapp ist, haben doch die meisten jungen Menschen die Primarschule beendet. Zwölf Kinder haben aber gar nie eine Schule besucht, und zum Zeitpunkt der Befragung waren 68 der Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Schule. Das kann als klares Indiz gewertet werden, dass Kinder und Jugendliche zum Teil wegen des Strandgeschäfts die Schule abbrechen. Am Strand könne man leicht Geld verdienen und mit Fremden in Kontakt kommen, lautet mehrheitlich ihre Begründung. Einige fügen aber auch an, sie hätten keine andere Wahl. Ihre grösste Angst ist denn auch, dass die Fremden wegbleiben. Gleich danach kommt die Befürchtung, von der Polizei verhaftet zu werden, was mehr als der Hälfte bereits passiert ist. An die dreissig Prozent der Kinder und Jugendlichen haben schon Erfahrungen mit Drogen gemacht. Die meisten möchten lieber etwas anderes arbeiten, wenn sie sicher wären, dass ihre Lage sich damit zum Besseren wendete.
Die Eltern haben unterschiedliche Einstellungen gegenüber den Strandgeschäften ihrer Kinder. Einige schicken die Kinder selbst an den Strand und geben offen zu, auf das Einkommen der Kleinen angewiesen zu sein, andere ärgern sich über den Ungehorsam der Jungen, die trotz aller Ermahnungen immer wieder zum Strand gehen. Auch die Gemeindemitglieder sehen zwar Gefahren für die jungen Menschen, vor allem die sexuelle Ausbeutung, die Nachahmung westlicher Moden und die Bettelei, aber auch den Vorteil des Geldverdienens und damit die Möglichkeit für die Jugendlichen, sich schöne Kleider und vielleicht sogar eine Auslandsreise zu leisten. Hoteliers und Regierungsvertreter hingegen zeigen vornehmlich Besorgnis. Sie schlagen eine Reihe von Massnahmen zur Bekämpfung der Prostitution, zum Schutz von Mädchen, ferner den Ausbau von Schule und Ausbildung im Tourismus sowie die Schaffung von alternativen Einkommen für die Eltern vor. Die fremden Gäste indessen freuen sich meistens über den Kontakt mit den jungen Menschen, wenn sie auch gelegentlich befürchten, bestohlen oder überfallen zu werden.
Als eine Folge der Studie konnten in Mombasa und Malindi Seminare zur Problematik der Kinderarbeit im Tourismus durchgeführt werden. Für ein nationales Symposium zur Ausarbeitung eines Aktionsprogrammes fehlten allerdings bislang die Mittel.
Quelle: Plüss, Christine: Ferienglück aus Kinderhänden - Kinderarbeit im Tourismus. - Zürich : Rotpunktverlag, 1999.
