Ländersuche
Weltkartefairunterwegs.org - das Plus für Ihre Reisevorbereitung

News zu Ihrem Reiseziel
und zum weltweiten
Tourismusgeschehen
Tipps für die
Reisevorbereitung und zur
Einstimmung auf Ihr Reiseziel
Antworten auf knifflige
Fragen zum Thema sozial-
und umweltverträglich Reisen
Aktuell
Kolumbien

Die Carrera Séptima in Bogotá
Schon wieder zupft jemand an meinem Ärmel. Eine "propina" für eine "sopina", ein Trinkgeld für ein Süppchen möchte der Bengel haben. Mich ärgert schon der Diminutiv, was heisst da Süppchen? Und wozu ein Trinkgeld? Der Bursche hat doch gar nichts für mich getan. Dann schaue ich ihn an, er tut mir leid. Seine grossen Augen sind bittend auf mich gerichtet. Ich sehe ein armes Kind ohne Chancen, er sieht wahrscheinlich eine amerikanische Touristin, die für seine Begriffe unendlich reich sein muss.
Ich weiss gar nicht mehr, ob ich ihm etwas gegeben habe. Vermutlich schon und mit ungutem Gewissen. Denn dass das kleine Geld für ein "Süppchen" ausgegeben wird, glaubt niemand. Ein Stück Ärger bleibt. Ärger auf die Kinder, die nicht erkennen wollen, dass ich keine amerikanische Touristin bin, sondern ein Mensch, der offensichtlich einer Arbeit nachgeht; und Ärger auf die Machthaber und die Eliten in diesem Land, in dem es so reiche Leute gibt und das dennoch hungernde Kinder auf den Strassen duldet.
Ärger und Unsicherheit. Der Ärger auf die Kinder ist unberechtigt, denn auf der Carrera Séptima in Bogotá, die hier, in der Nähe der Plaza de Bolivar vornehm Avenida de la República heisst, sind die wenigen Touristinnen noch am ehesten zu finden. Und ob ich arbeite oder touristisch unterwegs bin, ist ihnen egal. Ausländerin ist Ausländerin, dafür haben sie einen sicheren Blick. Die Unsicherheit betrifft die Bestimmung der "propina". Kommt das Geld wirklich dem Kind zugute? Oder muss es seine Scherflein einem Gangboss abliefern? Zementiere ich damit bestehende miese Verhältnisse oder tue ich im Kleinsten etwas Gutes?
Ich kann diese Fragen nicht grundsätzlich beantworten. Selbst dann nicht, wenn Leute, die mit der Szene vertraut sind, mir verlässlich Auskunft geben über die soziale Organisation der Mittellosen. Ausnahmen gibt es immer. Ich kann auch keine allgemeinen Lösungen anbieten, ich selbst entscheide in solchen Situationen spontan. Dabei spielt meine eigene Befindlichkeit eine grosse Rolle. Wenn es mir gut geht, wenn ich nicht in Eile bin, wenn ich nicht aggressiv angegangen werde, dann gebe ich eher.
Was ich gar nicht mag, ist das erwähnte Zupfen am Ärmel. Da braucht es für mich Überwindung, dass ich nicht einfach den Arm wegreisse und weitergehe. Und am meisten Mühe habe ich, wenn Frauen mir ihre zerlumpten Kinder entgegenstrecken. In solchen Augenblicken fühle ich mich auf unfaire Art überrumpelt.
Da sind mir die quasi etablierten Bettler sehr viel lieber. Mit ihnen habe ich ein besseres, ein lockeres Verhältnis. In der kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Bogotá musste ich fast jeden Tag über eine steile Treppe gehen. Auf der obersten Stufe hatte sich ein Bettler installiert, ein Berufsbettler. Dem lieferte ich jeden Morgen meine Münze ab, plauderte ein wenig mit ihm und hatte dann meine Ruhe. Sobald ein anderer Bettler sich mir an die Fersen heftete, wurde er von "meinem" Bettler zurückgepfiffen.
Ähnlich zwanglos habe ich den Umgang mit Bettlern in islamischen Ländern erlebt. Ich hielt mich mehrmals beruflich in Senegal auf und ging in der Hauptstadt Dakar immer dieselben Wege. Auch da hatte ich "meinen" Bettler und wurde von ihm vor weiteren Belästigungen beschützt. Dass er mir laut seiner Religion einen Gefallen erwies und nicht umgekehrt, weil er mir die Gelegenheit bot, mit einem Almosen meiner religiösen Pflicht nachzukommen, hat die Sache sehr erleichtert. Unser Umgang war damit auf eine geschäftliche Ebene verlagert. In diesen Fällen konnte ich auch akzeptieren, dass manchmal neben "meinem" Bettler Kinder sassen. Vielleicht lernten sie ja gerade ihr künftiges Metier.
Quelle: Plüss, Christine: Ferienglück aus Kinderhänden - Kinderarbeit im Tourismus. - Zürich : Rotpunktverlag, 1999.
