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Mexiko

Maria Teresa Sierra Ciesa: Es ist wichtig frei entscheiden zu können

Zur Person: Maria Teresa Sierra ist Professorin am "Center of Research and Advanced Studies in Social Antropology" (CIESAS) in Mexiko, sowie Vorsitzende und Gründungsmitglied des "Latin American Network on Legal Anthropology" (RELAJU).

Maria Teresa Sierra spricht über die Diskrepanz zwischen der traditionellen Kultur einerseits und westliche Ideen andererseits, wie z.B. die Menschenrechte, Emanzipation der Frauen. Wie mit diesem sehr konträren Ansätzen umgegangen wird, erläutert sie in diesem Gespräch.

In Mexiko ist folgendes passiert: Die Organisationen mexikanischer indigener Frauen haben durch die Zapatistenbewegung nicht nur in ihren Regionen, sondern auch auf nationaler Ebene einen starken Auftrieb bekommen. Seit 1997 gibt es eine nationale Koordinationsstelle indigener Frauen, und an der ersten Vereinigung nahmen 700 indigene Frauen teil. Sie kamen beinahe aus dem ganzen Land, mit der Absicht ihre Aktionen zu koordinieren. Sie wollten dazu beitragen, dass in den Organisationen über Themen, die sie betreffen diskutiert werden, und sie wollten bewirken, dass die Frauen einen Ort sowie die Möglichkeit eines Zusammentreffens bekommen. Dies war sehr gut und wichtig, aber es hat natürlich auch zu Problemen geführt, denn ganz offensichtlich sind "die Männer die Ersten in der Kultur". Die Männer entscheiden ob "es sich um eine westliche Angelegenheit handelt", denn in unserer Kultur haben wir eine ganz andere Auffassung von Gegensätzen. Dennoch nehmen in Wirklichkeit die Frauen einen sehr wichtigen Platz in der Kultur ein. Wir wissen aber, dass die Situation viel komplizierter ist. Das erkennt man vor allem daran, dass sich die Männer viel wichtiger fühlen, und sich das Recht nehmen, die Frauen Masszuregeln, wenn nötig auch mit Schlägen.

Obwohl sich schon einiges geändert hat, passiert es doch manchmal, dass die Eltern den Mann für die Frau aussuchen. Genauso dürfen Frauen noch immer kein Land erben, oder zumindest viel weniger als Männer. Ausserdem dürfen Frauen nicht an Versammlungen teilnehmen. Deshalb lautet eine der Hauptforderungen, dass Frauen an Versammlungen teilnehmen dürfen, um mit den Männern zu diskutieren, und ihre Gewohnheiten zu ändern. Ja, diese Bräuche gibt es noch immer, aber das bedeutet nicht, dass wir unsere Kultur nicht mögen. Wir möchten auch weiterhin mit unseren Bräuchen fortfahren, denn wir haben eine gute Beziehung zu unserem Land. Wir haben unseren Glauben und unsere Bräuche, und es gibt einige Dinge in der Mann-Frau Beziehung, die wir gut finden und nicht ändern möchten. Es war wichtig herauszufinden, welche Forderungen die Indigenas stellen. Die Frauen, die sich in den Organisationen engagieren, sind sehr wichtig um diese romantische Vorstellung von der indigenen Gesellschaft in Frage zu stellen. Manchmal ist es schwierig zu verhandeln und allen Stimmen Raum zu geben, denn manchmal neigen wir dazu, eine sehr einheitliche Vorstellung von Gesellschaft zu bilden.

Es wird kritisiert, dass die westlichen Ideen nicht wie ein Filter über unsere Verhältnisse gelegt werden können. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Dialog gibt. Ich denke da an die indigenen Frauen, an die Diskussion über die indigenen Rechte in Mexiko, an der auch Nicht-Indigene Frauen mitmachen. Man hat gesehen, dass es wichtig ist, dass Frauen in die Organisationen eingebunden sind, und bei Themen, die sie betreffen auch mitentscheiden können, wenn sie das wollen. Sie sollen über ihre Situation sprechen können, um die Beziehung zwischen Mann und Frau zu verstehen, und um zu erkennen, dass die Rollenverteilung der Geschlechter eine kulturelle Erfindung ist, und dass die Rollenverteilung der Geschlechter in ihrer Kultur künstlich geschaffen wurde. Sie bekommen die Möglichkeit über den Stellenwert ihres Frauen Daseins in ihrem Leben und in ihrer Gemeinde zu sprechen. Sie diskutieren über ihre Probleme, Menschen- und Frauenrechte. Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich die Frauen in den Organisationen engagieren, wenn sie nur die Möglichkeit dazu haben.

Ich glaube, dass die Kritik am westlichen Feminismus nicht nur von den indigenen Frauen kommt, sondern auch von den schwarzen Frauen, vor allem Frauen aus Minderheiten. Auch von den Chicanas (Chicanas oder chicanos sind Staatsbürger oder zum permanenten Aufenthalt berechtigte Bürger der USA, die von MexikanerInnen abstammen), die zum Beispiel eine sehr wichtige Rolle beim Feminismus in den Vereinigten Staaten gespielt haben. Diese Bewegung zeigt uns, dass man nie den Kontext und die alltäglichen Abläufe und Gepflogenheiten einer Kultur ausser Acht lassen darf – man muss respektieren, dass es andere Sitten und Bräuche gibt. Zum Beispiel war es für die Frauen in den Städten sehr wichtig, für die Abtreibung zu kämpfen. Für uns ist es wichtig, frei entscheiden zu können, ob wir ein Kind wollen oder nicht. Für die indigenen Frauen muss das nicht notwendigerweise genauso sein, und viele Feministinnen können das nicht verstehen. Sie kritisieren, dass sich die indigene Bewegung  ihrem Kampf nicht anschliesst. Man muss sich aber immer den Kontext ansehen in dem die Frauen leben, und abschätzen, ob sie bereit sind, Praktiken wie die Abtreibung zu akzeptieren. Jede Zielgruppe stellt andere Dinge in den Mittelpunkt - Gesundheitsversorgung, Erziehung, Mitspracherecht. Es gibt sehr fortschrittliche Indigenas, die einen sehr persönlichen Zugang zur Abtreibung haben: "Für mich persönlich ist das im Moment nicht so wichtig". Nur weil man für eine Sache nicht kämpft, heisst das noch lange nicht, dass man rückständig oder gar wild ist. Es war nicht einfach, das zu verstehen. Aber ich denke, dass mit diesen Frauen etwas ganz Besonderes vor sich gegangen ist, dass sie die Debatte sehr bereichert haben. Rassismus ist weit verbreitet, und die Indigenas und ihre normativen Systeme werden häufig gering geschätzt, sie werden als Wilde eingeschätzt. Die Vertreter westlicher Ideen benützen also die Frauen, um die Indigenas zu diskreditieren. Wir wissen aber, dass das eine sehr heuchlerische Diskussion ist, denn: Wann hat man sich wirklich für die indigenen Frauen interessiert?

Wenn die staatlichen Funktionäre und die Intellektuellen sich wirklich Sorgen über die indigenen Frauen machen würden, dann hätten sie auch dafür Sorge getragen, dass die Gesundheitsbedingungen in den Gemeinden besser werden. Wir wissen, dass viele dieser Praktiken nur der Ausgrenzung dienen.

Bildungsprojekt "Stimmen aus dem Süden", mit freundlicher Genehmigung von HORIZONT3000, Österreich. 

 

Letzte Aktualisierung: 24.05.2012