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Philippinen

Aida Santos - "Wie Goldfische im Glas...?"
Aida Santos nimmt das Positive vorweg: "Auf dem steinigen Weg, den Prostituierte gehen müssen, wenn sie sich ihrer verzweifelten Situation bewusst werden und die erlebten seelischen und körperlichen Verletzungen zu verarbeiten beginnen, kann es für sie eine wichtige Erfahrung sein, wenn sich Menschen aus dem Ausland für ihr Schicksal interessieren. Sie sind bereit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, um den Besucherinnen und den Besuchern die Augen für eine ihnen fremde Realität zu öffnen. Sie haben die Prostitution nicht freiwillig gewählt, sondern aus Armut oder prekäre Familienverhältnisse haben sie dazu getrieben, in denen Gewalt und sexuelle Übergriffe alltäglich waren." Aida Santos ist eine der Gründerinnen von WEDPRO, Womens’s Education, Development, Productivity and Research Organization, einer Nicht-Regierungsorganisation in Manila, die seit 1989 Frauengruppen an der Basis mit Information, Beratung, Bildung und Forschung unterstützt. So beispielsweise in Angeles City, das früher den auf den US-Basen stationierten Soldaten als "Rest and Recreation-Aera" diente, und heute vor allem von Sextouristen heimgesucht wird. WEDPRO arbeitet hier mit einer lokalen Frauenorganisation zusammen und versucht in einem gemeinsamen Projekt, Prostituierten mit dem Führen von Essensständen eine alternative Einkommensmöglichkeit zu verschaffen und ihnen dadurch den Ausstieg aus dem Sexgewerbe zu erleichtern.
Zu diesen Frauen führt WEDPRO regelmässig interessierte ausländische Studienreisegruppen, darunter auch Frauen-Reisegruppen. Wenn möglich begleitet eine Frau aus dem WEDPRO-Team die BesucherInnen zu den Treffen in Angeles City, um Fragen zu klären und Unsicherheiten auszuräumen. Zu Beginn dieser zeitaufwendigen Treffen wird oft eine Diashow gezeigt, um die Frauen nicht sofort zu exponieren. Die anschliessende Diskussion wird vielleicht mit einem gemeinsamen Essen abgerundet. Danach steht die Besichtigung der Essensstände auf dem Programm. Übernachtet die Gruppe in der Stadt werden am Abend einige Bars besucht, wo man im Gespräch mit Barfrauen mehr über ihre Arbeit und ihr Leben erfahren kann.
Aida Santos macht häufig die Erfahrung, dass die BesucherInnen sehr beeindruckt sind und enthusiastisch versprechen, in ihrem Herkunftsland etwas für die Frauen zu tun. Doch genau hier beginnen die Fragen und Zweifel der WEDPRO-Frauen. Genügt eine einzige Reise und ein Treffen, um die erste Betroffenheit aufrechtzuerhalten, konkrete unterstützende Aktivitäten durchzuführen und sich längerfristig solidarisch für diese Frauen einzusetzen? Oder erleben die TouristInnen diese Zusammenkünfte wie einen Film, von dem sie sich im Moment mitreissen lassen, doch wenn sie dann wieder zu Hause sind, sich nicht weiter damit beschäftigen?
Studienreisen haben auf den Philippinen eine lange Tradition. Mit solchen Programmen begannen vor zwanzig Jahren kirchliche Kreise, zunächst ausländische MitarbeiterInnen von Hilfswerken und kirchlichen Institutionen für entwicklungspolitische Fragen zu sensibilisieren. Später übernahmen auch politische und gewerkschaftliche Organisationen diesen Ansatz der "exposures". Nicht nur Interessierte aus dem Norden sollten zu solchen Studienreisen eingeladen werden, sondern auch Angehörige der philippinischen Mittel- und Oberschicht, die selten das Leben ihrer Landsleute in den Armenvierteln oder auf dem Land kennen. Studienreisen dieser Art erfordern ein grosses Interesse und Engagement der TeilnehmerInnen am Gastland. Vor allem bei kommerziellen (Ferien-)Reisen, wo diese Besuche meist ein einmaliges Erlebnis bleiben und in keinem direkten Zusammenhang mit Arbeit und Alltag der ReiseteilnehmerInnen stehen, ist dies jedoch fraglich.
Die Frauen im Projekt, die immer häufiger besucht werden, setzen ihrerseits vielleicht Erwartungen in diese Kontakte und verlieren mit der Zeit die Motivation, weil sich konkret an ihren Lebensumständen nichts ändert. "Manchmal frage ich mich, ob diese Frauen sich nicht wie Goldfische im Glas vorkommen, wenn sie von ihrem Leben erzählen," äussert Aida Santos düster. Es besteht die Gefahr, dass die ehemaligen Prostituierten sich von ihrer eigenen Biographie entfremden, und so ein weiteres Mal ausgebeutet werden. Bei gemischten Reisegruppen sind die Treffen mit den Frauen aus dem Projekt noch heikler. Aus welchen Gründen interessieren sich ausländische Männer für Prostituierte? Mit welchen Gedanken und Gefühlen begegnen sie diesen Frauen? Aida Santos ist skeptisch: "Sie mögen sich verständnisvoll zeigen, doch letztlich können wir ihre Köpfe und Herzen nicht auf ihr Frauenbild hin prüfen."
Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist WEDPRO auch in Zukunft bereit, TeilnehmerInnen von Studienreisen Kontakte zu Basisorganisationen zu vermitteln. Einige Bedingungen müssen dabei allerdings eingehalten werden. So muss die Reisegruppe ihre Erwartungen und Ziele klar formulieren, damit das Treffen optimal vorbereitet werden kann. Geld darf nur an Organisationen abgegeben werden, nicht an einzelne Frauen. Schliesslich müssen sich die TeilnehmerInnen bereit erklären, nach dem Besuch ihre Erfahrungen mit WEDPRO auszuwerten. Denn, so meint Aida Santos entschieden: "Wenn keine konkreten solidarischen Handlungen folgen, welche die Frauen materiell oder ideell unterstützen, sind solche Besuche reine Unterhaltung, die das Leben der Betroffenen nicht ändern."
von Sabine Braunschweig
aus: Karin Grütter und Christine Plüss (Hrsg.): Herrliche Aussichten! Frauen im Tourismus, Zürich 1996.
