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Sri Lanka

Rajan und seine "Lehrlinge"
"No Mad'm", protestiert Rajan vehement, "Siri sieht nur so klein aus, aber er ist 10 Jahre alt. Ich weiss es genau, er ist nämlich mein Vetter, meines Vaters-Bruders-Sohn", doppelt er nach, um die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen zu unterstreichen. Diese didaktische Kunstfertigkeit scheint er sich im langjährigen Umgang mit skeptischen, in seinen Augen wohl etwas begriffsstutzigen TouristInnen angeeignet zu haben.
Rajan, ein aufgeweckter 15-Jähriger, betätigt sich seit gut fünf Jahren als Verkäufer von "Bangles", aus bunten Fäden geflochtene Armbändchen, die offenbar bei den Individual- und RucksacktouristInnen am Strand von Unawatuna im Süden Sri Lankas heiss begehrt sind. Rajans Sortiment ist topexklusiv; so führt er etwa "Bangles" in Bob-Marley-Farben, die er selbst zu Hause fertigt und zu stolzen Preisen absetzt. Schliesslich müsse er auch jeden Tag 200 Rupies (ca. 3 US Dollar) heimbringen, sonst reiche es nicht zum Essen, rechnet er vor. Sein Vater, Schneider von Beruf, habe seine Stelle verloren und fahre nun täglich in die nahe Stadt Galle auf Arbeitssuche. Die Mutter habe die Familie im Stich gelassen. "She left with another boy", präzisiert er mit seiner Liebe zum Detail.
Auch Siris Mutter sei weg, sie arbeite in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Hausangestellte. Damit teilt sie das Los der weit über 100'000 ArbeitsmigrantInnen Sri Lankas, die sich vorwiegend als Hausangestellte nach Saudiarabien, den Emiraten oder Libanon und in jüngster Zeit immer öfter auch nach Singapur, Hongkong, Israel oder Italien verdingen. Das Geld, das Siris Mutter heimschickt, wird allerdings vom Vater für den Kauf von Heroin verpulvert. Ob mir denn die vielen Drogensüchtigen im Dorf nicht aufgefallen seien, wundert sich Rajan über meine Rückfrage, und deutet auf ein paar heruntergekommene Gestalten, die auch am Strand herumlungern. "Me - no smoke, no heroin!" erklärt er entschieden. Heroin sei ganz schlecht und habe Siris Familie ruiniert. Deshalb sei nämlich Siri so klein, er habe einfach zu wenig zu essen, genau wie sein älterer und seine beiden kleineren Brüder, deren Versorgung scheinbar vom Goodwill einer "Auntie" abhängt. Wenn er, Rajan, gut verdiene, koche er für Siri mit, und darum habe Siri ihn auch so gerne und hefte sich immer an seine Fersen, wenn er zum Strand gehe. Obwohl der Strand ganz und gar kein geeigneter Ort für "Babies" sei. Derweil sonnt sich der kleine Knirps, dem ich höchstens 6 Jahre gegeben hätte, in der Aufmerksamkeit der neugierigen Fremden. Sein kindlicher Charme vor dem Hintergrund der farbig geschilderten Sozialmisere dürfte sich insgesamt recht förderlich auf Rajans Geschäftsgang auswirken. Wer könnte da schon widerstehen und nicht zum Geldbeutel greifen?
Beim Anblick des Portemonnaies macht der kleine Siri flugs das hohle Händchen, worauf er von Rajan scharf gerügt wird. "Betteln gehört sich nicht", belehrt er auch seinen Freund und Nachbarn Dosena, der erst 12 Jahre alt ist und offensichtlich noch einiges vom grösseren Kumpel zu lernen hat. Dosena scheint ziemlich neu im Geschäft, sein Vater, ein Fischer, sei kürzlich gestorben. Jetzt müsse seine Mutter ihn und seine beiden Schwestern allein durchbringen. Die Rupies vom Strand wären willkommen, doch der schüchterne Dosena tut sich schwer mit dem Business. Er mag den Strand nicht sonderlich, auch Rajan findet, es sei viel zu heiss. Sagt's und macht's sich mit seinem Anhang im Schatten meines Sonnenschirmes bequem. Vor uns tummelt sich ein italienisches Liebespärchen ungeniert in der Brandung, sehr zum Vergnügen des munteren Dreiergespannes, das sich unter dem Sonnenschirm kugelt.
Keine Frage, Rajan weiss Bescheid über das Leben am Strand, über Sex und Drogen, die Ausländer, die in einem Strandhotel erwischt wurden, wie sie Videos mit Schuljungen aus Galle drehten; über die "Beachboys", die Sri Lankas Ruf als "Pädophilenparadies" festigen; über das kleine Mädchen, das vorbeitanzt, offenbar die Tochter einer der Batikhändlerinnen am Strand - unbeaufsichtigt, stellt er missbilligend fest; über die TouristInnen, die - wie er altklug anmerkt - so viel arbeiten müssten, bevor sie herkommen könnten. Er hat viele Freundschaften mit Fremden geschlossen; daher auch seine erstaunlichen Englischkenntnisse. "In der Schule", klärt er mich auf, "lernt man nur 'Banana-Mango-English': 'This is a banana. This is a mango' ", mokiert er sich. So könne man nie mit Fremden ins Gespräch kommen. Seit jedoch sein Vater arbeitslos ist, geht er nicht mehr zur Schule. Er müsse ja verdienen, aber eigentlich wäre er gerne noch länger geblieben, um einmal Lehrer zu werden - "Cheater" wie er in einem bemerkenswerten Versprecher den "Teacher" nennt. Jetzt ist seine Zukunft ungewiss. Irgendwo in seinem Hinterkopf spukt die Vorstellung, dass die TouristInnen ihm helfen könnten, reich zu werden. Im Dorf hätten es einige geschafft. Ein paar Frauen hätten Touristen geheiratet und seien nach Europa gezogen. Und ein Freund von ihm, der sei jetzt 26 und sehr, sehr reich. Er sei mit einem Deutschen zusammen, der eben keine Frau habe, sondern einen "Boy", erklärt er mir und schaut mich dabei prüfend an, ob ich auch wirklich verstanden habe. Ja doch, solche Freunde habe er auch schon gehabt, aber ihm habe noch kein Tourist so richtig geholfen.
Er sei auch gern sein eigener Boss, meint Rajan dann philosophisch und wendet damit das Gespräch geschickt vom Thema ab, das ihm anscheinend zu heikel wird. In den Restaurants am Strand und in den "Guesthouses" würden viele Jungen seines Alters arbeiten, die hätten gar keine Freiheit. Gerade hier, in der Strandkneipe, in der wir sitzen, müsse ein 15-jähriger Junge den ganzen Tag putzen und in der Küche helfen. Mit ihm habe er schon oft gesprochen. Der Restaurantbesitzer habe ihn aus Colombo geholt, und er habe gar keine Freunde hier. Nein, er gehöre nicht zur Familie des Restaurantsbesitzers, er werde ja auch bezahlt, aber er bekomme nur etwa 500 bis 600 Rupies (ca. 10 US Dollar) im Monat. Dieser Junge aus Colombo habe eben keine Ahnung von Geld; für einen solchen Job müsse man mindestens 3'000 Rupies kriegen (ca. 50 US Dollar, was einem mittleren Monatsgehalt in der Landwirtschaft entspricht). "Da verdiene ich ja viel mehr mit den 'Bangles' ", stellt Rajan klar, "und überhaupt möchte ich gar nicht für jemanden arbeiten. Da verkaufe ich lieber 'Bangles' am Strand, auch wenn ich zu Hause kein richtiges Bett habe", wägt er seine Lage ab und wirft einen gezielten Seitenblick auf meine Strandmatte. Diese, rundet er seine Betrachtungen ab, würde ihm schon viel helfen; er schlafe nämlich auf einem Karton, der nicht dicker sei als ... Zur Illustration zieht er seinem Kollegen Dosena die Schirmmütze vom Kopf und deutet auf den zerfledderten Schutzschild. Vielsagendes Schweigen stellt sich ein, nachdem Geschichten, Tratsch und Gerüchte zuvor nur so sprudelten. Kurz darauf zieht die wackere Truppe über den Strand weiter, Rajan voran, seine beiden "Lehrlinge" im Schlepptau und, natürlich, meine Matte unter dem Arm.
Tage später sehe ich, dass er das gute Stück nicht an der nächsten Strassenecke versilbert hat. Skepsis hin oder her, es stellt sich heraus, dass der dramaturgisch versierte Rajan seine Geschichten höchstens am Rande - zum touristischen Gebrauch - etwas ausschmückt. Was er so eindrücklich erzählt, ist einfach sein Alltag, banale Realität für viele Kinder und Jugendliche, die sich in den Badeorten auf Sri Lanka wie in anderen Tourismusgebieten ein paar Brosamen vom Urlaubskuchen zu ergattern versuchen.
aus: Christine Plüss: Ferienglück aus Kinderhänden, Zürich 1999.
