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Südafrika

27. Oktober 2010

Der fairunterwegs-Koffer freut sich über die ersten fairen Reisen nach Südafrika

Erstmals im Tourismus haben verschiedene Akteure gemeinsam Reisearrangements zusammengestellt, die nach den Kriterien des Fairen Handels zertifiziert wurden. Der fairunterwegs-Koffer hat sich darüber informiert, was diese Reisen Neues bieten - und findet: Das ist ein Anlass zum Feiern!

Basel, 28.10.2010, akte/ Was ist eigentlich eine faire Reise? Und wie liesse sich eine solche auf den Markt bringen und zertifizieren? Während Jahren haben Fachleute aus Nord und Süd über diesen Fragen gebrütet - und schliesslich festgestellt: Das lässt sich nicht am Schreibtisch feststellen, es braucht Pilotversuche. Der fairunterwegs-Koffer findet es eigentlich nicht erstaunlich, dass Fair Trade in Tourism South Afrika FTTSA den Lead dafür übernahm. Schliesslich hat die erste Gütesiegelorganisation für südafrikanische touristische Angebote am meisten Erfahrung in der Ausarbeitung von Fair Trade-Zertifizierungsverfahren im Tourismus. Trotzdem ist es wohl das erste Mal, dass ein Fair Trade-Produkt unter der Führung eines Partners im Süden entwickelt wird. Zudem ist es schon aussergewöhnlich, dass zwei Fachgruppen, nämlich der arbeitskreis tourismus & entwicklung in Basel und Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Bonn mit zwei Reiseveranstaltern, nämlich dem kleinen Reise Service Imagine und dem Riesen Kuoni auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Internationale Fair Trade Standards sind glaubwürdig
Herausgekommen sind Reisearrangements, bei denen Sie alles erleben können, was das Herz der Reisenden höher schlagen lässt: die grossartige Tierwelt des Krüger Nationalparks, die abwechslungsreichen Landschaften vom Meer über die weiten Ebenen der Karoo nach Kapstadt und von dort ins Weingebiet, luxuriöse Unterkünfte. Gleichzeitig sind es Reisen, bei denen sich die Leistungserbringer entlang der touristischen Handelskette auf die Einhaltung von Fair Trade-Standards verpflichtet haben. Das wurde kontrolliert und mit dem Gütesiegel Fair Trade Travel FTT bestätigt. Es weist aus, dass alle Beteiligten auf die Einhaltung von Unternehmens- und Handelsstandards des Fairen Handels überprüft wurden: Hotels und Mietwagenverleiher oder der Anbieter einer Trekkingtour ebenso wie der lokale und der internationale Touroperator. Die Standards und Verfahren entsprechen denen des internationalen Dachverbands der Gütesiegelorganisationen Fair Labelling Organizations International (FLO). Diesem Verfahren traut der fairunterwegs-Koffer sehr viel mehr als dem Nachhaltigkeitsbericht eines einzelnen Anbieters, irgendeinem Hotel-Ranking oder der Zertifizierung nach ISO, ESA und ähnlichen Standards. Denn es wird damit ein ganzes touristisches Produkt mit allen Leistungen ausgezeichnet, statt nur einem einzelnen Dienstleistungsangebot der Destination oder einem Reiseveranstalter.

Zumindest fast alle Leistungen wurden einbezogen: Nicht berücksichtigt ist der Transport vom Herkunft- ins Zielland. Eim gewichtiger Teil der Reise also, der für einen Grossteil etwa des CO2-Ausstosses verantwortlich ist. Im Fair Trade-Reisearrangement wird eine CO2-Bilanz der Bestandteile erhoben und der Kundschaft die Möglichkeit einer gesamten CO2-Kompensation angeboten. Der fairunterwegs-Koffer hofft, dass die Flug- oder Schifffahrtgesellschaften bei künftigen Fairen Reisearrangements mit von der Partie sein werden.

Faire Neuerungen in der Reisebranche
Aber im Moment geht es vor allem darum, herauszufinden, wie fair sich eine Reise gestalten lässt, wenn sie markttauglich bleiben soll. Die Pilotreisen haben da Beachtliches zu bieten, findet der fairunterwegs-Koffer: Ganz neu für die Reisebranche sind die formellen, gemeinsam ausgehandelten Verträge zwischen allen am Arrangement Beteiligten. Die Risiken wurden zwischen den Reiseveranstaltern und den Serviceanbietern neu verteilt: Es gibt kein einseitiges Währungsrisiko zu Lasten des lokalen Anbieters, weil die Preise in lokaler Währung vereinbart wurden, und kein einseitiges Annullationsrisiko für den lokalen Anbieter, weil für diesen Fall verbindliche Garantien vereinbart wurden. Die Vertragsdauer ist verbindlich und die Marktteilnehmer werden transparent von ihren Geschäftspartnern über ihre Marktchancen informiert. Alle Leistungen werden bei Ankunft der Kundschaft bezahlt. Das ist zwar für kleinere Veranstalter schon heute üblich, doch die grossen Reiseveranstalter pflegen die Leistungen erst auf Rechnung und oft mit viel Verzug zu begleichen. Die Kosten des Reisearrangements werden für alle Beteiligten transparent ausgewiesen.

Ein ganz besonderes Novum ist die Fair Trade-Prämie von fünf Prozent auf den Preis des lokalen Dienstleisters. Sie soll der ganzen Gemeinde zugute kommen. Die Gelder fliessen in einen Fonds, der lokal verwaltet wird und der Finanzierung von Projekten zur selbstbestimmten Entwicklung der lokalen Gemeinschaft dient. Eine gute Sache, findet der fairunterwegs-Koffer: Die Fairhandels-Prämie auf anderen Produkten des Fairen Handels hat weltweit die Lebensbedingungen von über fünf Millionen Menschen verbessert. Dass sie über das Geld selbst bestimmen, stärkt auch ihr Selbstvertrauen. Das ist besser als die punktuelle Wohltätigkeit, die bisher von Reiseveranstaltern geleistet wurde.

Jetzt sind Branche und Reisende gefragt
Die zwei Reisen sind eine Steilvorlage für die erfolgreiche Einführung des Fairen Handels im Reisegeschäft. Jetzt wird es darum gehen, sie attraktiv auszuschreiben und breit zu verkaufen. Reisende haben die Chance, mit dem Buchen der Reisen den Tatbeweis für ihren in Umfragen oft geäusserten Wunsch nach Fairem Handel im Tourismus zu erbringen. Reiseveranstalter können die Vorlage nutzen, um mit FTTSA weitere Fair Trade-Reisen zu entwickeln und zu zertifizieren. Der fairunterwegs-Koffer hat gehört, dass in einigen europäischen Ländern wie Deutschland und Österreich, aber auch in England Interesse besteht, ebenfalls Pilotversuche mit Fair Trade-Reisen nach Südafrika zu starten. Das sind gute und wichtige Schritte. Der fairunterwegs-Koffer wünschte sich, dass in allen europäischen Märkten für Südafrikareisen solche Angebote lanciert werden. Denn es braucht eine kritische Menge an Südafrikareisen und Südafrikakunden, um zu überprüfen, ob das jetzt erarbeitete Verfahren auch als Vorlage für die Einführung eines internationalen Fair Trade-Labels taugt.

AutorIn: Nina Sahdeva, arbeitskreis tourismus & entwicklung, Basel

Kategorie: Arbeit, Armut & Milleniumsziele, Begegnung zwischen Kulturen & Religionen, Brennpunkt Tourismus, Fairer Handel, Good practice – verschiedene Ansätze, Jung & Fair, Nachhaltige Projekte, Praxisbeispiele, Schweiz


 

Letzte Aktualisierung: 24.05.2012