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Türkei

Kurdische Kinder - vom Krieg vertrieben, von der Polizei gejagt

Der Park zwischen der Blauen Moschee, der Hagia Sophia und dem Topkapi Saray, dem religiösen und politischen Zentrum des Osmanenreiches, ist wohl Istanbuls beliebtester Touristentreff. Daneben locken zahlreiche Esslokale, Fressbuden, Bars und Hotels die Besucher ins Altstadtzentrum. Zum vielseitigen Besichtigungs  und Unterhaltunsangebot gelangt man über die gepflegte Grünanlage des Sultanahmet Platzes. Einst nächtigten hier die westlichen Asien Tramper, heute werden "unliebsame Elemente" von Polizeistreifen fern gehalten. Auch die Verkäufer aller Art von Billigsouvenirs, falschen Perlenketten, Amuletten, Glücksbringern und rosafarbenen Postkarten sind von den Touristenpfaden verbannt allerdings nur offiziell, denn selbstverständlich treiben sich die Ahmets, Ramzans, Veyzels und Habibs in Scharen zwischen den Blumenbeeten herum. Sie gehören allen Altersstufen an: Kleinkinder mit Rotznasen, Kinder im Schulalter mit und ohne Schuhe, Mütter mit ihrem Säugling auf dem einen Arm und Seidenschals über den anderen gehängt, auch Bettler, die zum Schein ein paar Papiertaschentücher feilbieten.

Es ist ein friedliches Völklein, das den fremden Touristen fÜr ein paar Hunderttausendlirascheine ein Andenken an ihren Besuch am Bosporus mit auf den Weg geben möchte. Sie sind zwar allesamt "lllegale" und im Gegensatz zu den Kioskverkäufern nicht befugt, ihrem Gewerbe nachzugehen. Kaum tauchen die Polizeistreifen auf, verstreuen sie sich in alle Winde um keine Minute später hinter der nächsten Rosenhecke wieder aufzutauchen. Es macht ihnen Spaß, die Sicherheitswächter an der Nase herumzuführen. Doch auch die Polizei spielt mit, schmunzelt, wenn der vierjährige Hakan weit hinter den anderen Kindern herrennt. Letztlich ist sie aber am längeren Hebel, wie uns der neunjährige Hatun erzählt. Die Beamten lassen ihn eine Zeit lang gewähren, eines Tages aber nehmen sie ihn in Gewahrsam, knüpfen ihm fünf bis zehn Millionen Lira ab, je nach Geschäftsgang einen vollen Tagesverdienst, und lassen ihn wieder laufen. Quittungen für die einkassierten Bußen stellen sie keine aus.

Die kleinen und halbwüchsigen Kinder sind durchwegs kurdischer Abstammung. Die zehnjährige Handan kommt aus Van. Sie zog mit ihren Eltern vor drei Jahren nach Istanbul. Der Vater verkauft Zeitungen, die Mutter sorgt sich um Handans sieben kleinere Geschwister. Die Familie lebt in einer der Altbauwohnungen bei der nahen Süleymaniye Moschee. Zur Schule geht Handan nicht. Das Geld, das sie mit dem Verkauf von Billigschmuck einnimmt, ist ein notwendiger Zusatzverdienst zu Vaters magerem Einkommen. Der dreizehnjährige Ramazan, der uns seine Serienpostkarten aufdrängt, stammt ebenfalls aus Türkisch Kurdistan, aus Mardin. Als einer der wenigen Straßenverkäufer geht er halbtags in die Koranschule, wo die muslimischen Prediger ausgebildet werden. Ob er es einmal so weit bringt, weiß Ramazan noch nicht. Seine Familie, die ebenfalls auf die Lirascheine ihrer Kinder angewiesen ist, lebt im Osten Istanbuls, in der Slumsiedlung Umraniye, wo fast ausnahmslos Zuzüger aus Ost  und Südostanatolien leben. Sein Vater ist laut Ramazans Angaben "Schuhmacher", womit er wohl Schuhputzer meint, wie sie in Istanbul zu Hunderten auf den Gehsteigen kauern. Auch Ramazans Schwester Veyzel, zwölfjährig, hilft mit, damit die sieben jüngeren Geschwister abends eine warme Mahlzeit erhalten. Sie verkauft bunte Stoffanhängsel, die ihre Mutter selbst herstellt.

Der neunjährige Hatun stammt aus Diyarbakir und ist erst "einige Monate" in Istanbul, so genau weiß er das nicht. "Dort war alles schlimmen" als hier in Kumkapi, wo Istanbuls Fischer leben und er mit seinen fünf Geschwistern in einer Holzbehausung wohnt. "In Kurdistan war es gefährlich, viele haben geschossen, viele wurden getötet", erinnert sich Hatun an den Krieg im Südosten des Landes. Sein Vater sei "Ingenieur", das möchte er auch einmal werden, erzählt Hatun stolz. Aber alles deutet darauf hin, dass der Vater in einer Autoreparaturwerkstätte angestellt ist. Über kurz oder lang wird auch Hatun in einer solch verrußten und ölverschmierten Bude als Zuträger arbeiten.

Ob aus Mardin, Malatya, Van oder Diyarbakir, alle Kinder, die im Istanbuler Tourismusgeschäft tätig sind, sprechen ein paar Worte Deutsch oder Englisch, aber sie erhalten keine reguläre Schulbiidung. Türkisch sprechen sie mehr schlecht als recht; ihre Muttersprache ist Kurdisch. Sie sind aufgeweckt und gewitzt, aber nach ihrer Zukunft befragt, zucken sie die Schultern. Vielleicht finden sie sich schon morgen im Südosten wieder, weil die Polizei Familien ohne legales Einkommen dorthin zurückschickt, wo nach dem Eintrag auf der Identitätskarte ihre Heimat ist   auch wenn Haus und Hof längst vom Krieg zerstört sind. Oder der Vater oder die ganze Familie werden eines Nachts in den Laderaum eines Lastwagens verfrachtet und auf geheimen Pfaden in den Westen geschmuggelt. Oder sie verstecken sich zu nächtlicher Stunde am Marmarameer auf einem Frachtschiff, das sie nach Süditalien bringt. Auch der vierjährige Hakan und seine sechs  und neunjährigen Schwestern Hacepe und Gülsüm haben keine Ahnung, wo sie dereinst landen werden. Heute verkaufen sie auf dem Sultanahmet Platz Papiertaschentücher. Ihre schmutzigen Kleider zeugen von elendester Herkunft. Wo sie wohnen, wissen sie nicht, ihre Eltern liefern sie morgens hier ab und sammeln sie abends wieder ein.

Die Kinderarbeit in der türkischen Tourismusindustrie ist statistisch nicht erfasst. Die Souvenirverkäufer in der Istanbuler Altstadt sind nur ein Beispiel. Andere putzen den reichen Ausländern die Schuhe, noch mehr aber stehen irgendwo in einem Badeort der Ägäisküste in einer Restaurantküche und schneiden Gemüse oder waschen Teller. Fast eine halbe Million Schwarzarbeiterinnen und  arbeiter sind im Gastgewerbe beschäftigt, davon zehn Prozent Kinder unter vierzehn Jahren, vermutet Camail Akindi, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Hotel  und Restaurantangestellten. Er selbst arbeitete einst als Achtjähriger in Izmir in der Gaststätte seines Schwagers und ist heute besonders bemüht, diesen Kindern einen rechtlichen Schutz zu verschaffen. Doch je steiler der Aufschwung in den türkischen Billigferienorten verläuft, desto rascher wächst die Zahl der Billigstarbeiter. Im Gegensatz zu den arbeitsrechtlich organisierten Arbeitnehmern kennen sie weder feste Arbeitszeiten noch eine soziale Absicherung. Ihr Arbeitsplatz entspricht zudem selten den gesetzlichen Anforderungen, er ist oft dunkel, feucht und schmutzig.

Weder die türkische Regierung noch die Gewerkschaften, noch die nichtstaatlichen Sozialwerke haben das Problem der Kinderarbeit ausgeleuchtet. Nur die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen, ist halbwegs erfasst. In den anatolischen Landwirtschaftsgebieten beträgt sie über sechzig Prozent. Wie viele Minderjährige sich im Dienstleistungssektor abrackern, ist unbekannt. "Eliminieren lässt sich Kinderarbeit nicht, auch im Tourismus nicht", meint Bakindi nüchtern. "Sie sichern das Überleben ihrer Familie und damit auch ihr eigenes", bestätigt Kurt Eicher, Inhaber der Tourismusagentur Agence Suisse und seit bald zwanzig Jahren im türkischen Reisegeschäft tätig. "Das Problem wurzelt tief im Gesellschaftssystem, im wirtschaftlichen Verfall der ländlichen Türkei, der Binnenmigration, der untergeordneten Rolle der Frauen und Töchter, die bis zur Heirat als Hausmädchen dienen".

Systematische Untersuchungen über berufsbildende Maßnahmen, etwa des türkischen Ablegers der deutschen Friedrich-Naumann Stiftung zusammen mit der Hacettepe Universität in Ankara, sind im Gang. Die türkische Zweigstelle der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) wird sich ab Sommer 1998 auch der Kinderarbeit im Tourismus annehmen. Sie wird vom türkischen Innenministerium, der Abteilung zum Schutz des Kindes, unterstützt. Doch gerade die Polizei, welche die bestehenden Schutzmaßnahmen gegen die Ausbeutung Minderjähriger durchsetzen müsste, verdient an der Schwarzarbeit der Kinder mit. Das augenfälligste Beispiel sind die Polizeistreifen auf dem Istanbuler Sultanahmet-Platz, wo die Schutzmänner Kleinkindern ihren mageren Tagesverdienst abknöpfen.

von Martin Peter. Aus: Plüss, Christine: Ferienglück aus Kinderhänden - Kinderarbeit im Tourismus. - Zürich : Rotpunktverlag, 1999. 

 

Letzte Aktualisierung: 24.05.2012