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		<title>fairunterwegs.org: Chiapas Blog</title>
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		<lastBuildDate>Thu, 17 Jun 2010 06:06:00 +0200</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Was sich unter den Pasamontañas versteckt... - 17 Juni 2010</title>
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			<content:encoded><![CDATA[Lange Zeit hat er sich still gehalten, nun beginnt der Kleine zu quengeln. Er hat Hunger. Ohne ihren Schritt zu verlangsamen zieht Marta am Stofftuch, das sie sich umgebunden hat, hievt ihren Sohn vom Rücken nach vorn und gibt ihm die Brust. Der Kleine beruhigt sich rasch – während seine Mutter schnellen Schrittes weiter den steilen Weg hinuntergeht und in ihren profillosen Plastiksandalen ohne zu zögern einen Fuss vor den anderen setzt.
Wir geben uns alle Mühe Martas Tempo mitzuhalten, rutschen immer wieder aus auf den feuchten Blättern und dem lehmigen Waldboden, suchen teils mit beiden Händen halt und finden ihn trotzdem nicht, stolpern den abschüssigen Pfad hinunter, trotz bester Wanderausrüstung. Von Zeit zu Zeit dreht sich Marta um und wartet nett lächelnd, bis wir wieder zu ihr aufgeschlossen haben.
Was mich während meines zweimonatigen Aufenthalts hier in Chiapas am meisten beeindruckt, sind eben diese überraschenden, wenn auch auf den ersten Blick unbedeutenden Momente: Da schreiten wir seit knapp zwei Wochen jeweils in einer reinen Männergruppe (und mit ein, zwei Beobachterinnen) das zapatistische Waldgebiet in Huitepec ab, doch am allerletzten Tag meines Einsatzes marschiert eine junge Frau voran – und stillt gleichzeitig ihren fünf Monate alten Sohn. Der Rundgang mit den Zapatistas, die im Turnus aus anderen Dörfern hierhin kommen, sei ihre Pflicht, erklärt mir Marta mit aller Selbstverständlichkeit: &quot;An jedem neunten Tag bin ich an der Reihe.&quot;
Ich merke, dass ich mit grosser Neugierde, aber auch mit vielen Vorurteilen nach Chiapas gereist bin. Seit dem Aufstand von 1994, bei dem die Zapatistas mehr Demokratie, Bildung, Gesundheit, Gerechtigkeit und Freiheit für ihr Volk einforderten, gehen vor allem die Fotos der Compañeros in ihren Pasamontañas – den Wollmützen mit Augenschlitz – um die Welt. Frauen und Männer in rebellischen Posen, mit geballter Faust und finsterem Blick.
Vermummt habe ich die Zapatistas in den vergangenen zwei Monaten nur selten erlebt – meistens dann, wenn wir ein Erinnerungsfoto von ihnen schiessen wollten. Mit aller Herzlichkeit haben sie uns empfangen, in ihre Häuser eingeladen, wo wir uns zu einem Gespräch ans Feuer setzten. Und auch wenn es naiv klingt: Ausser den Macheten, die jeder Compa auf sich trägt, habe ich bei den Indígenas während meines Aufenthalts keine einzige Waffe gesehen.
Doch wie verteidigen die Zapatistas ihr Land? Wie viele von ihnen haben sich der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) angeschlossen? Wo versteckt sich der &quot;Sub&quot; (Subcomandante Marcos, der berühmte Sprecher der EZLN)? Lebt er noch, und ist er tatsächlich noch in Chiapas? Meine Fragen über den bewaffneten Widerstand bleiben in den Gesprächen mit den Compas meist unbeantwortet. &quot;Wir führen einen politischen Kampf, keinen bewaffneten&quot;, sagt mir einer von ihnen. Viel lieber erzählt er mir vom zivilen Ungehorsam der Bevölkerung, die sich weigert, Steuern und für den Strom zu zahlen, staatliche Gelder ablehnt, öffentliche Schulen und Spitäler boykottiert und sich in ihren autonomen Gemeinden selber organisiert.
Ich bin nicht die einzige, die noch einiges über die Zapatistas zu erfahren hat. Auch viele ihrer Landsleute seien bedenklich schlecht informiert, sagt mir Eva, eine mexikanische Beobachterin. Es fehle ihnen an Interesse für die indigene Bevölkerung, und es geisterten viele Schauermärchen in ihren Köpfen herum. &quot;Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich in Chiapas zapatistische Gemeinden besuchen werde, hielten sie mich für verrückt&quot;, erzählt sie. &quot;Die dachten wahrscheinlich, ich käme nicht mehr lebend von diesem Aufenthalt zurück.&quot;
Unsere vierstündige Wanderung neigt sich dem Ende zu. Der Kleine schläft wieder auf Martas Rücken. Er merkt nicht, dass seine Mutter seit zwei Stunden steil bergauf steigt. Hinter Marta geht nun eine hagere, zahnlose Compañera – sie muss weit über sechzig sein. In konstantem Abstand von ein, zwei Metern folgt die Frau der jungen Anführerin Schritt auf Tritt, ohne auch nur einmal innezuhalten. Wir folgen den beiden schweigend und in Gedanken versunken. Inzwischen haben auch wir unseren Rhythmus gefunden.
Carol Mauerhofer]]></content:encoded>
			<category>Blog</category>
			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 06:06:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Frieren, jassen, nachdenken - 15 Juni 2010</title>
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			<description>El Huitepec ist eine der höchsten Erhebungen rund um San Cristóbal. Von der Terrasse des Hostal...</description>
			<content:encoded><![CDATA[El Huitepec ist eine der höchsten Erhebungen rund um San Cristóbal. Von der Terrasse des Hostal Junax aus, wo ich mit vielen andern Freiwilligen wohne, erkennt man den Berg mit seinem halben Dutzend Antennen klar und deutlich. Der Gipfel liegt nochmals 700 Meter höher als die alte Kolonialstadt selber, die sich bereits auf 2210 Meter über Meer befindet.
Auf dem Huitepec halten die Zapatistas ein Waldgebiet besetzt, mit dem Ziel, es vor Abholzung und Verbauung zu schützen. Die Hänge des dichten Nebelwalds reichen von der Bergkuppe bis knapp zu den ersten Siedlungen der Stadt hinunter. Täglich schreitet eine Gruppe von Compañeros, die hier für eine Woche Wache schieben, mit einem Einheimischen das Gebiet des Naturreservats ab. Kontrolliert wird etwa, ob nicht illegal Holz geschlagen wurde oder ob die Wasserleitungen für die umliegenden Felder noch intakt sind. Seit mehreren Jahren begleiten internationale BeobachterInnen die Zapatistas auf den engen, steilen Pfaden – immer wieder gibt es Drohungen der Regierung, das Gebiet zu räumen.
Wenn auch nur wenige Kilometer von San Cristóbal entfernt, tauchen wir – wie bereits in den vorangehenden Gemeinden – in eine andere Welt ein: Der Taxifahrer, der uns im ersten Gang den Berg hochfährt, war noch nie in dieser Gegend. Als die Strasse immer schmaler und holpriger, die Häuser kleiner und schäbiger werden, fragt er uns immer ungläubiger, ob wir uns des Weges auch wirklich sicher seien.
Je höher wir fahren, desto farbiger werden die Hänge, die die Strassen säumen. Die Bauern leben hier unter anderem vom Anbau von Blumen, die sie auf dem Markt von San Cristóbal verkaufen. Weiss und blau blüht es derzeit auf den Feldern, die Blumen müssen rechtzeitig geerntet werden. Alle Familienmitglieder sind im Einsatz, pflücken Blumen, binden sie zu meterhohen, dicken Sträussen zusammen und schultern die Bündel die Strasse hinunter.
So farbenprächtig und kräftig grün die Hänge im Sonnenlicht strahlen, so schnell verblassen sie auch wieder, sobald das Wetter umschlägt. Dies kann hier oben derzeit alle zehn Minuten geschehen. Bereits kurz nach unserer Ankunft beginnt es zu regnen, dichter Nebel zieht auf. Ein kühler Wind bläst durch alle Ritzen unserer Holzhütte – obwohl diese von innen mit Karton isoliert und aussen mit reichlich Plastik eingepackt ist. Abends wird alles feucht: Kleider und Decken, Salz, Zucker, Reis und andere Nahrungsmittel, das Toilettenpapier... Trotz Skiunterwäsche spüre ich die Kälte bis in die Knochen, schlafe nachts mit Mütze und verzichte tagsüber auf die Freiluftdusche. Mir wird bald klar: Bis jetzt war ich verwöhnt mit meinen Einsätzen, doch nun heisst es auf die Zähne beissen.
Es bleibt die ganze erste Woche unseres Aufenthalts garstig – die Regenzeit hat dieses Jahr rechtzeitig eingesetzt. Doch nicht nur das Klima macht uns zu schaffen, sondern auch die Langeweile. Während wir in anderen Gemeinden ständig von Kindern umringt waren, die eine Runde &quot;Tschau-Sepp&quot; nach der anderen spielen wollten, fehlt uns hier der Kontakt zu den Einheimischen. Unser Camp liegt abseits der Gemeinde. Und mitten in der Erntezeit finden nur wenige Compas die Zeit für die morgendlichen Rundgänge im Wald. Damit lassen sich für uns auch die Tage des Wanderns an einer Hand abzählen.
Die zwei Wochen werden für alle vier BeobachterInnen zur Geduldsprobe. Wir überbrücken das Warten mit lesen, kochen und essen, repetieren gemeinsam den Subjuntivo und jassen einen Schieber nach dem andern. Doch die Zeit will und will nicht verstreichen. Wir sehnen uns nach allem, worauf wir hier verzichten müssen: Nach Käse, Schokolade, Rotwein, Pizza, einem saftigen Kotelett, einer warmen Dusche, einem weichen Bett, den touristischen Bars in San Cristóbal... Wir zählen die verbleibenden Stunden.
Ich weiss, dass auch dies zu meinen Einsätzen hier in Chiapas gehört. Es kann nicht immer so paradiesisch sein, wie in den beiden Aufenthalte zuvor. Ich übe mich in Selbstbeherrschung und positivem Denken: Auch hier mache ich eine Erfahrung, die ich sonst nirgends erleben würde. Ich bin mit spannenden Leuten hier, die ich in einer anderen Lebenssituation niemals so gut kennen gelernt hätte. Und morgen gehen wir bestimmt wieder wandern...
Carol Mauerhofer]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Tue, 15 Jun 2010 06:02:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Gegrillte Grillen und andere Köstlichkeiten - 14 Juni 2010</title>
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			<description>- Im Dorf gibt es zwar einen Fussballplatz, einen Fussball haben die Kinder aber nicht. So wird es...</description>
			<content:encoded><![CDATA[- Im Dorf gibt es zwar einen Fussballplatz, einen Fussball haben die Kinder aber nicht. So wird es in nächster Zeit auch bleiben. Denn auch der &quot;Ball&quot;, den Alex (nach der Anfertigung mehrerer Prototypen) aus Plastiktüten, Bananenblättern und Schnur gebastelt hat, überlebt keine zehn Minuten.
- Die Zeit vertreiben sich die Kinder auf nicht weniger originelle Weise. Mit Grillen fangen, zum Beispiel. Als Jagdgerät dient eine halbe Petflasche, die kopfüber an einem langen Ast befestigt ist. Damit pirschen sich die Kinder so nahe wie möglich an die Bäume, auf denen die Insekten sitzen. Einmal erwischt, schwirren die Zykaden wild in der durchsichtigen Flasche umher – doch den Weg in die Freiheit findet kaum eine mehr. Stolz präsentieren uns die Jäger ihre Beute, halten die zwei Finger dicken Tiere an beiden Flügeln fest, reichen sie umher, nehmen sie noch lebend zwischen die Zähne. Schliesslich landen sie zuerst im Feuer und dann erneut im Mund. &quot;Muy rico&quot;, wird mir versichert.
- Diesen Fehler begehe ich nur einmal im Leben: Ich habe einen grünen Chile mit blossen Händen gerüstet. Meine Finger brennen, auf einem Daumen bilden sich Blasen, im Gesichtentstehen rote Flecken... Die Haut beruhigt sich erst nach Stunden wieder. &quot;Te enchilaste?&quot;, erkundigt sich Victor – ein Mexikaner – schmunzelnd. Ich wundere mich, dass es hier sogar ein Verb für dieses Missgeschick gibt. Victor zeigt mir, wie man einen Chile richtig schneidet: mit Messer und Gabel, und nicht von Hand.
- Für uns BeobachterInnen haben die Compas ein Zelt aus zwei Planen gespannt. Die frühere Unterkunft, eine kleine Holzhütte, reichte nicht mehr aus um die zahlreichen BeobachterInnen zu beherbergen, die derzeit hierhin geschickt werden. Unter den Planen gibt es mehr Platz, doch plagt uns nun die Hitze: Die Wärme staut sich tagsüber dermassen an, dass man in Schweissausbrüche verfällt, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Unser Gemüse verfault innert kürzester Zeit, die Früchte gären, die Tortillas werden säuerlich, das Wasser mehr als lauwarm. Während wir vor uns hinschwitzen, bestellen die Einheimischen in der prallen Sonne ihr Feld. &quot;Ja, es ist im Moment extrem heiss&quot;, meint einer von ihnen. &quot;Aber jetzt ist Erntezeit.&quot;
- Ein Compa will alles über meinen Calderon wissen. Ob er gut regiert, oder ob er den Armen alles wegnimmt. Ob er ein grosses Haus und viel Geld besitzt. Ob er aus der Stadt kommt oder auf dem Land wohnt. Und ob mein Calderon ab und zu die Bevölkerung besucht und sie fragt, was ihnen auf dem Herzen liegt. Ich brauche eine Weile, bis ich verstehe, was er meint. Doch dann erkläre ich dem Compa, dass wir in der Schweiz sieben Calderones haben – der eine dem mexikanischen Calderon ähnlicher, der andere weniger. Ihre Beschlüsse fassen sie in geheimer Abstimmung. Doch die wichtigen Entscheide im Land fällen nicht die Calderones, sondern das Parlament. Und diese wiederum kann das Volk zum Teil anfechten, wenn es damit nicht einverstanden ist. &quot;Ein gutes System&quot;, meint der Compa. &quot;Ein bisschen wie bei uns Zapatistas.&quot; Ein gutes System, denke ich – meistens zumindest. Mal abgesehen von UBS- und anderen Skandalen.
Carol Mauerhofer]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 06:31:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>So richtig abgelegen - 09 Juni 2010</title>
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			<description>Viel zu tun gibt es hier nicht und das Schwierigste für mich ist, die Zeit zu füllen bzw. mit ganz...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Viel zu tun gibt es hier nicht und das Schwierigste für mich ist, die Zeit zu füllen bzw. mit ganz viel Zeit umgehen zu müssen. Ich verbringe die Tage mit Lesen, Denken, Schreiben, Dösen. Manchmal übernehme ich mit den KollegInnen einen kleinen Spaziergang über die Felder rundherum, aber wegen der heissen Temperaturen und hohen Luftfeuchtigkeit kommt mir ein einstündiger Marsch wie eine anspruchsvolle Wanderung vor, jede Bewegung kostet einen mehr Kraft als sonst. Als er noch schön klar war, gingen wir uns mehrmals am Tag im Fluss erfrischen. Ich genoss es, um 8 Uhr morgens, wenn es noch nicht so warm war und die anderen noch schliefen, baden zu gehen. Seit zwei Tagen regnet es aber praktisch ununterbrochen (die Regenzeit hat angefangen), mit der Folge, dass der Fluss ganz braun geworden und das Wasser gestiegen ist, weshalb uns das Baden nun leider verwehrt bleibt – eine Aktivität weniger! <br />Momentan bin ich allein mit lediglich einem weiteren Beobachter hier. Die anderen vier verliessen gestern planmässig das Campamento, und die neue Compas sind aus irgendeinem Grund noch nicht angekommen. Ich hoffe, dass die Junta eine neue Gruppe BeobachterInnen hierher schicken wird. Ausserdem ist heute nicht nur der Strom wieder ausgefallen, sondern auch das Wasser ist uns ausgegangen und niemand scheint sich um eine Lösung des Problems zu kümmern.<br />Was wird dieser Tag noch bringen? Heute bin ich speziell gespannt darauf.
Lydia L.]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 06:12:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Der Schein trügt - 08 Juni 2010</title>
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			<description>Das Erste, was mich beeindruckte, als ich aus dem Wagen stieg, waren der fast ohrenbetäubende Lärm...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Das Erste, was mich beeindruckte, als ich aus dem Wagen stieg, waren der fast ohrenbetäubende Lärm der Zikaden, die extreme Feuchtigkeit und der verlassene Eindruck, den der Ort auf einen machte, wie wenn seit Jahren niemand zu ihm geschaut hätte.
Nach dem Aufstand 1994 besetzten die Zapatistas den Ort, nachdem der ehemalige Besitzer, ein &quot;Ranchero&quot;, die Flucht ergriffen hatte. Seit zirka drei Jahren beaufsichtigen sie nun den Ort durchgehend – wegen des von der Regierung geplanten Tourismusprojekts in der Region. Diese Bewachung erfolgt mittels eines Rotationssystems, nach dem jede Woche eine neue Gruppe aus der Region die vorige ablöst, im Häuschen neben dem Hauptgebäude übernachtet und Tag und Nacht das Areal überwacht. Denn die sogenannten Priistas (AnhängerInnen des Partido Revolucionario Institucional PRI) belästigen die Zapatistas auf verschiedene Art und Weise, um zu erreichen, dass sie das Land schliesslich &quot;freiwillig&quot; verlassen. So errichteten sie zum Beispiel einen zweiten Kontrollposten weit vor demjenigen der Zapatistas (der zuerst errichtet worden war), an dem sie von den seltenen BesucherInnen ein Eintrittsgeld einfordern können. Die Folge davon ist, dass Gäste, die zum zapatistischen Kontrollposten gelangen und wiederum um ein bescheidene Eintrittsgebühr gebeten werden, dies nicht akzeptieren und - wie ich selbst mehrmals beobachten konnte - zurückfahren. Auch Blockaden sind schon mehrmals vorgekommen: Am Tag nach unserer Ankunft zum Beispiel wurde ein Wagen der Zapatistas beim Verlassen des Gebiets angehalten, die Insassen mussten das Auto verlassen und zu Fuss weitergehen. Wie mir eine Compañera sagte, die in der Nähe unseres Campamento lebt, kam es sogar vor, dass zapatistische Frauen (inkl. sie selbst) von Priistas mit Steinen beworfen wurden.<br />Auch hier also, trotz der trügenden Ruhe und der Schönheit der Natur, ist der Konflikt durchaus im Gange und alltäglich präsent. Deswegen sind wir hier.
Lydia L.]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Tue, 08 Jun 2010 06:09:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Warten, warten, warten... - 04 Juni 2010</title>
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			<description>Nachdem das in den Abkommen von San Andrés von 1996 vorgesehene Autonomiegesetz Ende März 2000 von...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Nachdem das in den Abkommen von San Andrés von 1996 vorgesehene Autonomiegesetz Ende März 2000 von allen im Parlament vertretenen Parteien abgelehnt worden war, brach die EZLN den Dialog mit den politischen Akteuren (Regierung, ParlamentarierInnen, Parteien) ab und zog sich für zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Sie widmete sich dem Aufbau der Autonomie und unterteilte das Gebiet, in dem die Zapatistas leben, in 39 autonome Gemeinden in fünf Regionen. Hier wird seither die indigene Autonomie, die bis heute juristisch nicht anerkannt worden ist, praktiziert und dementsprechend jegliche finanzielle Hilfe seitens der Regierung abgelehnt. Jede dieser fünf Regionen besitz ein Verwaltungszentrum, das sogenannte Caracol, wo das regionale Entscheidungsgremium (genannt &quot;Junta de buen gobierno&quot;, als Gegenpendant zur als schlecht empfundenen offiziellen Regierung) seinen Sitz hat. Die &quot;Junta&quot; besteht aus VertreterInnen der die jeweilige Region bildenden &quot;Municipios autónomos&quot; die sich in regelmässigen Abständen mittels eines Rotationssystems in der Amtsausübung abwechseln. Die fünf Regionen (sprich ihre Bildungs- und Gesundheitsmodelle, ihre Agrargesetze, ihre Rechtssprechungssysteme, die Struktur ihrer Regierungsinstanzen, die Form des Ämterwechsels und die Dauer der Amtszeiten) unterscheiden sich stark zwischen den Einzugsgebieten der jeweiligen Ethnien (Tseltales, Tsotsiles, Choles, Tojalabales, Zoques); das Einzige, was sie vereint, ist, dass die Zapatistas und mit der EZLN verbunden sind.
Um zu &quot;unserer&quot; Gemeinde zu gelangen, durften wir nicht direkt dorthin fahren, sondern mussten zuerst beim Caracol M. vorbeifahren und uns bei der dort ansässigen &quot;Junta&quot; anmelden.
Nachdem wir am Eingangstor des Caracols das Frayba-Schreiben, das uns ankündigte, gezeigt hatten, wurden wir reingelassen und gebeten, zu warten, bis uns die Junta rufen würde. Wir setzen uns unter einen grossen Baum in den Schatten und blickten nicht ohne eine gewisse Emotion auf das mit mehreren Holzhütten, einem Basketballplatz und einer grossen Tribüne ausgestatteten, am Hang eines bewaldeten Hügels eingerichtete Areal: Endlich sah ich mit meinen eigenen Augen, wie ein Caracol aussieht und wie es funktioniert!
Nach einer halben Stunde konnten wir uns dann vor sechs Personen, darunter drei Frauen, vorstellen. Es wurden uns mehrere Fragen gestellt und die Antworten wurden mit grosser Sorgfalt schriftlich festgehalten, bevor wir in ein zweites &quot;Büro&quot; mit weiteren fünf Personen gebeten wurden, wo uns praktisch die gleichen Fragen ein zweites Mal gestellt wurden: Name, Adresse inkl. E-Mail, Beruf, aktuelle Tätigkeit, Dauer und Grund unseres Mexikoaufenthaltes, verbleibende Zeit im Land, Name und Zweck der Organisation, mit der wir reisten. Da sich uns nie jemand vorgestellt hatte, realisierten wir erst später, dass die erste, knappere Befragung durch die sog. &quot;Vigilancia&quot; und die zweite durch die Junta erfolgt war.<br />Wiederum wurden wir gebeten, abzuwarten, bis die Junta entscheiden würde, in welche &quot;comunidad&quot; wir gehen sollten. Diese Zeit verbrachten wir am Schatten mit der zweiten Gruppe von Freiwilligen, die in der Zwischenzeit im Caracol angekommen war, um sich vor dem Einsatz anzumelden, und einer dritten Gruppe, die nach dem erfolgten Einsatz zur Abmeldung hingereist war. Nach drei Stunden teilte uns die Junta schliesslich mit, dass sie aufgrund verschiedener anderer zu erledigender Arbeiten erst am Tag danach in der Lage sei, über unseren Einsatzort zu bestimmen. Wir quartierten uns somit in der für die wartenden Observadores eingerichtete Holzhütte ein. Ich legte meinen Schlafsack auf ein Holzbrett und ging rüber in die als Küche ausgestattete Hütte, wo die Frauen Bohnen und Tostadas (im Feuer geröstete Tortillas) am vorbereiten waren. Nach dem Abendessen verlagerte sich dann die ganze Aktivität im Caracol auf den Basketballplatz, wo die Männer unermüdlich bis zum Einbruch der Finsternis spielten (ich wagte mich übrigens auch, für kurze Zeit mitzuspielen).<br />Die Nacht verlief gut (trotz starken Rückenschmerzen) und um 12 Uhr teilt uns die Junta mit, wohin es gehen sollte: nicht in die vom Frayba definierte Gemeinde, sondern zum Badeort C. in der Region Agua Azul, in der vor zirka einem Jahr sieben Indigene verhaftet und zur Unterschrift eines Papiers gezwungen worden waren, das besagte, sie hätten einen bewaffneten Raubüberfall ausgeübt.<br />In jener Region, die sich nicht unweit der Maya-Ruinenstätte Palenque befindet, verfolgt die Regierung die Realisierung des Projektes &quot;Centro Integral Planeado San Cristóbal-Palenque&quot; – unter dem Deckmantel des &quot;Ökotourismus&quot; –, für welches sie das gemeinschaftlich genutzte und an Naturressourcen (z. B. Öl, Uran) reiche Land der indigenen Bevölkerung zu erlangen versucht, ohne letzteren jedoch ein Mitspracherecht einzuräumen bwz. Sie in die Planung einzubeziehen.
Da ein paar Compañeros in dieselbe Richtung fahren mussten wie wir, hatten wir das Glück, mit ihnen die Reise machen zu können. Am frühen Nachmittag fuhren wir also mit einem offenen Lastwagen einer zapatistischen Kaffeekooperative los. Zu meiner Erleichterung umfuhren wir den grossen Militärposten bei B., und eine weitere Kontrolle bei O. auf der Route 199 &quot;überstanden&quot; wir problemlos, indem wir uns auf Anraten der Compañeros im Wagen hinsetzten (den Rest der Reise verbrachten wir stehend, um die Landschaft besser zu sehen). An der Kreuzung von Agua Azul trennten wir uns von der zweiten BeobachterInnengruppe und fuhren weiter bis zu einer anderen Kreuzung, an der wir uns an einen gewissen T. wenden sollten, der über unsere nächste Etappe Bescheid wusste. Und tatsächlich: Kurz danach kamen zwei Compas mit einem alten Auto und brachten uns in 10 Minuten ans Endziel.<br />Obschon die Compas unter sich lediglich via (Ketten)funk kommunizieren, hatte die Organisation unserer Reise optimal geklappt!
Lydia L.]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Fri, 04 Jun 2010 06:06:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Vor dem ersten Einsatz in San Cristóbal de las Casas - 03 Juni 2010</title>
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			<description>Mein erster Sonntag in San Cristóbal fing eigentlich gut an. Ich fühlte mich nicht speziell fit,...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Mein erster Sonntag in San Cristóbal fing eigentlich gut an. Ich fühlte mich nicht speziell fit, entschied mich aber trotzdem für einen Spaziergang im Zentrum des Städtchens. Kurz nachdem ich mich auf eine der zahlreichen grünen Bänklein auf dem Zócalo gesetzt hatte, bemerkte ich einen Umzug von Kindern, die - ähnlich wie bei uns an der Fasnacht - als bunte Engel, Prinzessinnen und undefinierbare Tiere verkleidet waren. Die Familie neben mir erklärte mir, dass heute der Tag der Jungfrau von Fatima sei - deshalb der Umzug durch die Stadt, die vielen Leute rundherum und die umsonst verteilte Mahlzeit vor der Kathedrale. Ich blieb nicht lange sitzen, denn die Kopf- und Gliederschmerzen wurden stärker, und ich ging in mein Hostal zurück. Dort verbracht ich den ganzen Nachmittag, Abend und die Nacht im Bett mit Schlafen. Die lange Reise, die Höhe (San Cristóbal liegt auf über 2000 müM) und die plötzliche Entspannung waren wohl Schuld an meinem Zustand. Ich hoffte einfach, dass ich am Tag danach für die erste Sitzung beim Frayba bzw. spätesten am Mittwoch für den Einsatzstart wieder fit sein würde.
Am Montag (ja, ich war zum Glück wieder mehr oder weniger fit) begann die Sitzung beim Frayba am Vormittag und dauerte um die drei Stunden. Insgesamt erschienen acht &quot;Neulinge&quot;, was - gemäss erfahrener Freiwillige - nicht viel ist. R., die für die Beobachtungseinsätze zuständig ist, liess uns als Erstes einen Film über das Zentrum selbst und die jetzige Lage der indigenen Bevölkerung in Chiapas ansehen, um uns danach spezifisch über die letzten Vorfälle zu informieren. Wie sie uns das Ganze schilderte, wirkte auf mich, obschon umfassend und zweifellos sehr hilfreich, ein wenig unpersönlich und heruntergespult - wohl das Resultat davon, dass sie jeden Montag neue BeobachterInnen einführen muss.
Ich wurde dann in eine Gruppe mit drei KatalanInnen eingeteilt, einem 33-Jährigen, der sich in Mexiko befindet, weil seine Freundin dank eines Stipendiums ein 2-jähriges Post-Doc absolviert, und einem Paar um die 50, das nach Chiapas gereist war, um sein 25-jähriges Ehejubiläum zu feiern und das sich beim Frayba für lediglich eine Woche verpflichtet hatte. Gemäss R.s Entscheid sollten wir unseren ersten Einsatz in der Gemeinde S. im Municipio autónomo O.I. absolvieren, wo anscheinend vor ungefähr sechs Monaten Mitglieder der paramilitärischen Gruppe O. die AnwohnerInnen wegen der Landverteilung belästigt hatten. Wir erhielten einen (knappen) Bericht über der Ort und listeten auf, was wir am folgenden Tag kaufen sollten: Schnur für die Hängematten, Geschirr, Kerzen, Wasserdesinfizierungstropfen, Linsen, Bohnen, Pasta, Tomatensauce, Zwiebeln, Knoblauch, etwas frisches Gemüse, Haferflocken fürs Frühstück, Milchpulver, Kaffee und Tee, Zucker, Salz, Öl zum Kochen, Seife. Es war nicht einfach, die Mengen zu bestimmen, zumal unsere Gruppe lediglich aus &quot;Neulingen&quot; bestand.<br />Nachdem wir noch bei R. abgeklärt hatten, ob die Gemeinde als zapatistisch gilt oder gespalten ist (der Bericht war diesbezüglich nicht klar), machten wir für den nächsten Morgen ab, um gemeinsam die Einkäufe auf dem Markt zu erledigen. Die Abreise war wie üblich für den Mittwoch geplant.
Lydia L.]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 06:01:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Von Arm und Reich - 21 Mai 2010</title>
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			<description>Gloria* besitzt zwei Mühlen um Tortillamehl zu mahlen, doch die eine funktioniert mehr schlecht als...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Gloria* besitzt zwei Mühlen um Tortillamehl zu mahlen, doch die eine funktioniert mehr schlecht als recht. Ständig rutscht sie aus der Halterung, so dass man nur noch mit einer Hand kurbeln kann, während die andere das Gerät fixiert. Doch eine neue Mühle zu kaufen, liegt derzeit nicht drin. Glorias Familie fehlt das Geld dazu.
Bei dem Überfall auf ihr Dorf im vergangenen Februar war Glorias Sohn von einer Kugel am Fuss getroffen worden. Aus Angst vor einem neuen Angriff habe sich ihre Familie danach wochenlang nicht mehr auf ihr Feld gewagt, das ausgangs des Dorfes ganz in der Nähe der Priístas liegt. &quot;Wir blieben in unseren Häusern, verloren unsere Ernte und hatten Hunger&quot;, erzählt Gloria.
Das Geld fehlt aber nicht nur, weil die Familie dieses Jahr noch nicht viel geerntet hat. Gloria hat in den vergangenen Monaten auch weniger Ware verkauft, weil sie sich nicht mehr alleine bis an die Strasse traut. Die halbe Stunde Fussmarsch führt am Land der Priístas vorbei, und diese haben mit weiteren Übergriffen gedroht.
Nicht nur Glorias Familie fehlt es am Nötigsten, die Armut ist hier allgegenwärtig. Viele Kinder tragen zerlumpte T-Shirts und zerschlissene Hosen. Bei einigen sind die Nähte im Schritt offen, sodass man ihren blanken Po sieht. Anderen schwirren Mücken um den Kopf, setzen sich auf Nase, Mund und in die Augen. Zwei Mal pro Tag baden sie mit ihren Müttern oder Schwestern im Fluss – aber ohne genügend Kleider zum Wechseln, ohne Fliesen auf dem Boden und vor allem ohne fliessendes Wasser im Haus sehen sie nach einer Weile wieder aus wie zuvor.
Wasser holen die Frauen mehrmals pro Tag rund 700 Meter ausserhalb des Dorfes. Am Ufer des Flusses fliesst das (Trink-)Wasser aus einem Erdloch in ein lehmiges Becken. Mit Petflaschen schöpfen die Frauen das Wasser in grosse Kübel. Einige giessen es durch ein Stofftuch, um es zumindest vom grössten Dreck und den Mückenlarven, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, zu säubern (wir geben zusätzlich ein paar Tropfen Mycrodyn bei, die alles andere auch noch abtöten). Schliesslich hängen sich die Frauen die 20-Liter-Behälter mit einem Stoffgürtel um die Stirn und tragen das Wasser nach vorne gebeugt die 700 Meter zurück zu ihren Häusern.
Auch wir BeobachterInnen leben entsprechend einfach, schlafen auf Holzbetten unter ein paar Zeltplanen. Dennoch ist die Kluft zwischen uns und den Einheimischen manchmal riesig. Das Camp ist allen zugänglich, die Kinder sind ständig bei uns, von morgens früh bis abends spät. Sie begutachten den Berg Nahrungsmittel, den wir für zwei Wochen angeschleppt haben. Sie schauen uns beim Essen zu, wie wir uns ein zweites Mal schöpfen, weil wir zu viel gekocht haben. Sie hantieren mit unseren Taschenlampen, Sackmessern, Haarbürsten und Kameras...
Wir geben uns alle Mühe, die Regeln des Menschenrechtszentrum Frayba strikt zu befolgen: Keine Geschenke, niemand wird bevorzugt. Doch es ist schwierig, sich &quot;korrekt&quot; zu verhalten, ohne überheblich zu wirken. &quot;Regeln sind gut, doch in einigen Situationen taugen sie einfach nicht&quot;, sagt Carlos, ein Beobachter.
Gloria hat ihm beispielsweise Tortillas gebracht und ihn gleichzeitig um zwei Limetten gebeten. Unter anderen Umständen würde jeder von uns der Frau die Limetten schenken. Doch hier herrschen andere Bedingungen: Jede Familie im Dorf würde sich über eine Limette freuen. Bevorzugen wir eine Familie, so kann dies zu Missgunst in der Gemeinschaft führen. Und schliesslich muss die Nahrung auch für uns ausreichen. &quot;Aber erklär' das mal deinem Gegenüber im Moment, in dem du dankend die Tortillas entgegennimmst&quot;, sagt Carlos.
Carol Mauerhofer
* Alle Namen sind geändert.
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Fri, 21 May 2010 07:05:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Besuch aus der Luft - 19 Mai 2010</title>
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			<content:encoded><![CDATA[<span lang="DE-CH">Wir hören ihn von weitem, gesichtet haben wir ihn noch nicht. Trotzdem verteilen wir uns in der Milpa (Maisfeld), wo die Sicht am besten ist. Dass der Helikopter Kurs auf unser Dorf genommen hat, ist ziemlich sicher. Von früheren BeobachterInnen weiss ich, dass solche Besuche aus der Luft hier zum Alltag gehören. Mein Herz pocht trotzdem. Das Rotorengeräusch wird immer lauter, unsere Kameras laufen, das Zoom ist ausgefahren. Dann taucht er auf, überfliegt unsere Köpfe in ungefähr 100 Metern Höhe. Wir strecken dem Objekt unsere Kameras entgegen, versuchen es einzufangen – auf unseren Displays zumindest. Meine Fotos verwackeln, zu erkennen ist wenig. Aber darum geht es in erster Linie gar nicht: Unsere Besucher haben uns auf jeden Fall gesehen und wissen nun, dass immer noch BeobachterInnen im Dorf stationiert sind.</span>
<span lang="DE-CH">Noch vier weitere Male überfliegt der Helikopter das Dorf ehe er am Horizont verschwindet. Jedes Mal scheint es uns, er fliege noch näher am Boden als beim letzten Mal. Sie hätten keine Angst, versichern mir später einige Bewohner, das sei ja nicht das erste Mal. Und trotzdem fällt mir auf, dass alle aus ihren Häusern gekommen sind, an den Himmel blicken, und die Kinder für einmal bei ihren Müttern bleiben. Auch ich rede mir ein, dass mich das Ereignis nicht weiter beunruhigt hat. Doch die nächsten zwei Stunden glaube ich ständig, ein lauter werdendes Brummen zu hören – dabei ist es nur das Rauschen des Flusses.</span>
<span lang="DE-CH">Laut dem Menschenrechtszentrum Frayba werden die Helikopter seit vergangenem Februar von der Regierung losgeschickt. Sie fliegen nicht nur übers Dorf sondern auch zu den Wasserfällen, die rund 20 Minuten Fussmarsch entfernt ebenfalls auf zapatistischem Boden liegen. Während die Wasserfälle im benachbarten Agua Azul schon lange ein beliebtes Reiseziel für ÖkotouristInnen sind, blieben die Kaskaden flussabwärts bislang unberührt. Wie bereits in Agua Clara soll sich dies nach Plänen der Regierung jedoch ändern. Und wie in so vielen ähnlichen Fällen in Chiapas wird nicht etwa mit den BewohnerInnen zusammengearbeitet, sondern den Einheimischen das Leben durch Einschüchterungen und Repressionen beschwerlich gemacht – mit dem Ziel, dass sie das Land schliesslich von selbst verlassen.</span>
<span lang="DE-CH">Unser Dorf befindet sich im Konflikt mit der benachbarten Gemeinde Agua Azul, in der überwiegend RegierungsanhängerInnen (genannt Priístas, von PRI – Partido Revolucionario Institucional) leben. Ein Teil der BewohnerInnen von Agua Azul ist gleichzeitig Mitglied der paramilitärischen Organisation OPDDIC (Organización para la Defensa de los Derechos Indígenas y Campesinos). Diese zivile bewaffnete Organisation setzt sich auch aus Indigenen zusammen und wird von Militär und Staat inoffiziell koordiniert und unterstützt, um illegale militärische Operationen durchzuführen. Im bisherigen Verlauf kam es bereits mehrfach zu Auseinandersetzungen, in denen die OPDDIC Mitglieder der zapatistischen Gemeinde bedrohte und verletzte.</span>
<span lang="DE-CH">Im vergangenen Februar verschärfte sich dieser Konflikt. Bereits seit einem Monat hielten die Priístas damals zwei Hektar Land der Gemeinde besetzt, die unmittelbar an den zur Gemeinde gehörenden Wasserfällen liegen. Sie errichteten darauf kleinere vorübergehende Unterkünfte, mit dem Ziel touristische Projekte aufzubauen. Schliesslich beschlossen die Zapatistas, die Besetzung ihres Landes nicht weiter zu tolerieren und gingen mit 230 Compañeros – nach ihren Angaben bloss mit Macheten bewaffnet ­– in das besetzte Gebiet, um die Priístas durch einen friedlichen Dialog zum Weggehen zu bewegen.</span>
<span lang="DE-CH">Die Situation eskalierte innert kürzester Zeit. Die rund 50 Priístas erschossen nach Angaben der Zapatistas im Kreuzfeuer mindestens einen ihrer Männer, verletzten später in der Gemeinde zwei Dorfbewohner und einen Zapatista. Zuvor hatten die Eindringlinge dort die Kirche verwüstet, die wenigen im Dorf verbliebenen Compas beleidigt und bedroht und gegenüber den Frauen ihre Genitalien entblösst. Schliesslich gelang es den Compañeros, die Eindringlinge zu vertreiben.</span>
<span lang="DE-CH">Zum Schutz des Dorfes patrouillieren seither Tag und Nacht bis zu 30 Compañeros auf dem Gebiet, die während jeweils einer Woche in der Gemeinde leben. Zugleich sind bis zu zehn internationale BeobachterInnen vor Ort stationiert, um Präsenz zu markieren und im Falle weiterer Übergriffe Bericht zu erstatten. Die Mitglieder der OPDDIC haben sich bislang nicht mehr in das Gebiet getraut, die Helikopter dagegen schon...</span>
<span lang="DE-CH">Carol Mauerhofer</span>]]></content:encoded>
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			<pubDate>Wed, 19 May 2010 07:08:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Gastfreundschaft - 17 Mai 2010</title>
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			<description>Der Empfang in unserer neuen Gemeinde ist äusserst herzlich. Bereits nach wenigen Minuten zerren...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der Empfang in unserer neuen Gemeinde ist äusserst herzlich. Bereits nach wenigen Minuten zerren uns drei Jungs in ihre Hütte, wo ihre Schwester gerade den Teig für Pozol (ein Maisgetränk) und Tortilla herstellt. Mit beiden Armen und der Kraft des ganzen Oberkörpers kurbelt die junge Frau die Maiskörner durch eine Mühle. Der Schweiss tropft ihr von der Stirn – sie ist wohl schon seit einiger Zeit an der Arbeit, schliesslich gilt es in der Familie elf Mäuler zu stopfen.
Das Maismehl wird mit Wasser befeuchtet, zu einem grossen Klumpen zusammengedrückt und ein zweites Mal gemahlen. Danach formt Cristina*, die Mutter, den Teig zu kleinen Kugeln, legt sie in die Presse und schliesslich auf eine Metallplatte über dem Feuer. Zum Schluss bäckt Cristina die Tortillas kurz auf beiden Seiten, wendet die heissen Fladen mit blossen Händen und legt sie auf einen Stapel. Für die drei Mexikaner in unserer Gruppe nichts Neues, mein deutscher Kollege und ich verfolgen das ganze Spektakel mit grösster Faszination.
Für uns gibts eine Tasse Pozol, eine Mischung aus Tortillamehl und kaltem Wasser. Die milchige Masse macht mich überhaupt nicht an, jedoch wage ich es nicht, das Angebot auszuschlagen. Zugleich bin ich neugierig und will wissen, wie das Getränk, das die Einheimischen hier täglich trinken, denn überhaupt schmeckt. Ich willige also ein, ein wenig zu probieren – Isabel schenkt grosszügig ein. Die nächste halbe Stunde verbringe ich damit, das körnige Gesöff in kleinen Schlucken artig auszutrinken. Es schmeckt nach nichts ausser wässrigem Mais und Wasser mit Maisgeschmack.
Bald ist die halbe Familie in der Küche versammelt. Alle wollen die neuen &quot;Caxlanes&quot; kennen lernen. Die EinwohnerInnen hier sind Tzeltales, und einen Caxlan nennen sie, wer nicht ihre Sprache spricht – in den nächsten Wochen sollten wir das Wort noch oft zu hören bekommen. Trotzdem schwatzen vor allem die Frauen in Tzeltal auf uns ein, wollen wissen, wie wir heissen (Bin a bihil?), woher wir kommen (Van tale mon?) oder ob wir verheiratet sind (diese Übersetzung ist mir leider entfallen).
Bei der Verabschiedung drückt uns Cristina einen Stapel warme Tortillas in die Hand. Eine Entschädigung dafür will sie nicht. Es gehöre zur Aufgabe der Familien im Dorf, uns BeobachterInnen täglich damit zu versorgen. Nun, wo wir gesehen haben, wie viel Arbeit dahinter steckt, schätzen wir die Gabe umso mehr. Wir werden Tortillas in den nächsten zwei Wochen in allen Variationen essen: &quot;nature&quot;, geröstet, frittiert, mit Zucker, Salz, Avocado, Frijol und Philadelphia-Streichkäse, der tatsächlich tagelang frisch bleibt.
Carol Mauerhofer
* Alle Namen sind geändert.
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			<category><a href="laender/mexiko/in-kuerze.html" title="Mexiko">Mexiko</a></category>
			
			
			<pubDate>Mon, 17 May 2010 07:08:00 +0200</pubDate>
			
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