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		<title>fairunterwegs.org: Peacewatch Blog</title>
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			<title>Ratlos rastlos - 29 Januar 2012</title>
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			<description>&quot;Ich kann schreien und ich kann nett sein, und nichts hilft!&quot; Mit diesen Worten einer...</description>
			<content:encoded><![CDATA[&quot;Ich kann schreien und ich kann nett sein, und nichts hilft!&quot; Mit diesen Worten einer israelischen Friedensaktivistin konnte ich mich am heutigen Morgen am Checkpoint Qalandya besonders gut identifizieren. Es war ein Morgen, den ich emotional noch den ganzen Tag mit mir herumschleppte. Der Checkpoint wurde zeitweise aus unerklärlichen Gründen geschlossen, dies während der &quot;Rush hour&quot;: um die 400 verzweifelte Menschen warteten, Unruhen, Aggressionen, Ratlosigkeit und innere Rastlosigkeit waren spürbar, ein Morgen, an dem wieder einmal einfache Zivilisten den Preis für diesen Konflikt austrugen. Ein Morgen, an dem sich so viele PalästinenserInnen mit fragenden, verzweifelten Augen an uns wendeten: &quot;Wieso? Wieso passiert das?&quot; Ich hatte, auch diesen Morgen, keine Antwort.&nbsp;
Chaos im Checkpoint, nichts geht mehr vorwärts, daher genug Zeit für ein wenig Small talk mit PalästinenserInnen. Beispielsweise mit Shaker, einem Anstreicher/Maler, Vater von vier Kindern:
&quot;Ich habe in der Westbank monatelang nach einem Job gesucht, jedoch nichts gefunden. Daher habe ich einen Job in einer israelischen Siedlung, gebaut auf palästinensischem Boden, angenommen. Ich hatte keine Wahl, ich muss&nbsp; für das Überleben meiner vier Kinder sorgen. Nie hätte ich mir träumen lassen, je in einer solchen israelischen Siedlung arbeiten zu müssen.&quot; In seinen Blick glaube ich den vorangegangenen Kampf mit sich selbst und die Verbitterung darüber zu sehen, an einem Ort zu arbeiten, dessen Existenz die Existenz eines eigenen, zukünftigen palästinensischen Staates untergräbt.
Israelische Siedlungen innerhalb der Westbank sind nach internationalem Gesetz (Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention) illegal und stehen in direktem Widerspruch zur Etablierung eines lebensfähigen palästinensischen Staates. Die israelischen Siedlungen in der Westbank lassen das palästinensische Gebiet wie einen Schweizer Käse aussehen, und jeden Tag wird ein weiteres kleines Loch kreiert oder ein Existierendes noch mehr ausgehöhlt. In den letzten 40 Jahren wurden in einem für die Aussenwelt relativ unmerklichen, jedoch schleichenden Prozess eine halbe Million israelischer SiedlerInnen in neu gebaute Siedlungen auf palästinensischem Gebiet transferiert.
&quot;Wir PalästinenserInnen haben einerseits ein Problem mit der israelischen Regierung, welche uns unterdrückt, und andererseits eines mit unserer eigenen Regierung, welche Teile arabischer und europäischer Gelder verschwinden lässt, anstatt diese der palästinensischen Bevölkerung zugute kommen zu lassen. Ausserdem haben manche PalästinenserInnen angefangen, als politische Kollaborateure und Spione mit Israel zusammen zuarbeiten&quot;, raunt mir Shaker in leiserem Ton zu, &quot;manche werden von Israel erpresst, andere tun es für Geld&quot;.
Zeit für &quot;richtigen&quot; small talk. Auf sein gutes Englisch angesprochen erzählt er mir, schon in jungen Jahren angefangen zu haben, jeden Tag eine Seite englischen Text zu lesen, und dessen Bedeutung zu verstehen. &quot;Das Gleiche bringe ich meinen eigenen Kindern bei.&quot; &quot;Hast du Hoffnung?&quot;, frage ich beim Abschied. &quot;Ich muss Hoffnung haben, ich habe gar keine andere Wahl. Ich muss jeden Tag das Überleben meiner Familie sichern&quot;, antwortet er mit nüchterner Stimme.
Immer noch Chaos. Einer der israelischen Soldaten hängt, anscheinend gelassen, in seinem Stuhl. Einzig das rastlose Wippen seines Beines verrät seine innere Spannung. Sobald die Soldaten sich erheben und herumspazieren, recken sich die Köpfe der PalästinenserInnen und ihre Augen folgen den Soldaten, jedem einzelnen ihrer Schritte.
Zufällig treffen wir auf den Britischen Konsul, mitten im schummrigen Checkpoint, er ist mit einem offiziellem Besuch aus Grossbritannien im Schlepptau unterwegs. Ich liefere dem sympathischen Besuch eine Übersicht der Checkpoint-Installation und deren Funktionsweise. Analytisch, objektiv, ohne Dramaturgie. Um uns herum, die Wartehalle voller frustrierter PalästinenserInnen, Anspannung liegt in der Luft. Dabei Schamgefühle meinerseits. Wir sind nur Zuschauerinnen – wie die Einführung in eine Museumsausstellung, eine Performance mit Menschen. Zu erwähnen, wie sehr die Palästinenserinnen darunter leiden, ist überflüssig. Er sieht es mit eigenen Augen. &quot;Eure Arbeit hier ist sehr wichtig&quot;, sagt der Konsul. Heute jedoch spüre ich nicht viel davon.
Ich rufe eine Koordinationsstelle der israelischen Armee an, um Druck auszuüben, etwas gegen die gegenwärtige Chaos-Situation zu unternehmen und die Menschen durchzulassen – einmal, zweimal, fünfmal rufe ich an. Zuerst freundlich, dann bittend, fast flehend, schliesslich bestimmt, innerlich schreit es in mir, meine Selbstkontrolle arbeitet jedoch auf Hochtouren, beim fünften Mal den letzten Joker ausschöpfend. Mit einem drohenden Ton setz ich die schläfrige Stimme am andere Ende davon in Kenntnis, dass der britische Konsul im Checkpoint anwesend sei und er, sehr besorgt um die Situation, über diese Zustände berichten werde (&quot;So better hurry up&quot;). Plötzlich meine ich zu hören, wie die Stimme der Soldatin aufwacht. Haben meine Anrufe schlussendlich der Situation geholfen? Diese Dinge werden wir selten erfahren.
Auf dem Weg nach Hause eine der Alltagspflichten: Brot besorgen. &quot;Das ist kein Brot, das ist Keit&quot;, hat mich das letzte Mal der Verkäufer gelernt. Also bestelle ich dieses Mal ‘Keit’. Mit einem fast unmerklichen Lächeln auf den Lippen überreicht er mir das ‘Keit’; er merkt, dass ich mich an seine frühere Bemerkung erinnere. Diese kleine Interaktion lässt mir wieder ein wenig warmer ums Herz werden und meine negativen Emotionen des Morgen für ein paar Sekunden wegwischen. Zuhause angekommen werde ich jedoch in einen dreistündigen, tiefsten Schlaf fallen – mein Kopf hat, wie so oft hier, wieder einmal&nbsp;viel zu verarbeiten.]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/israel/in-kuerze.html" title="Israel">Israel</a></category>
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			<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 06:50:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>Eine Bushaltestelle für dich, keine Bushaltestelle für mich - 25 Januar 2012</title>
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			<description>Weihnacht ist vorbei. Die nachfolgende traurige Szene, auch wenn sie am letzten Weihnachtstag, dem...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Weihnacht ist vorbei. Die nachfolgende traurige Szene, auch wenn sie am letzten Weihnachtstag, dem 24.Dezember 2011 stattgefunden hat, wird sich nicht das letzte Mal abgespielt haben:
&quot;Teil unserer Reise von Bethlehem nach Jerusalem an Weihnachten beinhaltet das Warten auf einen Minibus an einer grossen Kreuzung. Es regnet in Strömen. Es gibt eine überdachte Bushaltestelle, die jedoch von einem israelischen Soldaten bewacht wird. Wir werden ermahnt, nicht in der Bushaltestelle zu warten, da sie nur für Israelis, vorab israelische SiedlerInnen, bestimmt sei. Wir müssen uns also neben die Bushaltestelle begeben. Ein junger Palästinenser wartet neben uns, da kommt der Soldat aus der Bushaltestelle heraus und befiehlt dem Palästinenser, sich noch weiter von der Bushaltestelle wegzubewegen. Da stehen wir nun also im strömenden Regen, der junge Palästinenser, eine weitere palästinensische Familie mit vier Kindern, und mit ihnen wir selbst, die MenschenrechtsbeobachterInnen, wartend auf den Minibus, während eine israelische Siedlerin mit dem Soldaten in der geschützten Bushaltestelle auf den israelischen Bus wartet.&quot; (diese Szene hat meine irische Teamkollegin Jenny erlebt)
Ich persönlich begegne tagtäglich den ungerechten Auswirkungen von zwei separat angewendeten Rechtssystemen in der Westbank: Israelis, welche das israelische Zivilrechtssystem geniessen, und daneben PalästinenserInnen, die unter dem israelischen Militärrechtssystem leben – seit 44 Jahren. Unabhängig davon, ob dieses System offiziell durch Sicherheitsgründe und daher als temporär gerechtfertigt, oder als permanent beschrieben wird – für jede/n PalästinenserIn unter 44 Jahren, der/die unter der Besatzung geboren wurde, ist dies die einzige Lebensweise, die sie kennen. Nicht wenige sind unter derselben Besatzung gestorben, in die sie hineingeboren wurden. Ihnen war es verwehrt, je das Leben eines freien und selbstbestimmten Menschen leben zu dürfen.]]></content:encoded>
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			<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 06:50:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>Morgenstund, Metall im Mund - 23 Januar 2012</title>
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			<description>Wie in einem 360-Grad Kino zieht es an mir vorbei, eine dunkle Welt aus Metallgittern, darin...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Wie in einem 360-Grad Kino zieht es an mir vorbei, eine dunkle Welt aus Metallgittern, darin eingepfercht PalästinenserInnen, zu hören ist die bellende Stimme einer israelischen Soldatin durch das Mikrofon. Es ist 4.30 morgens, ich befinde mich zum ersten Mal am Checkpoint Qalandya – nach UN OCHA einem der grössten der 519 Checkpoints und sogenannten ‘physischen Hindernissen’ in der Westbank. Er befindet sich zwischen Ostjerusalem, welches 1967 von Israel illegal annektiert bzw. angeeignet wurde und Ramallah, dem Hauptsitz der palästinensischen Autorität in der Westbank. Was geht vor in diesem Checkpoint, an dem gestern ein Palästinenser niedergeschossen wurde, nachdem er sich mit einer Axt auf die schwerbewaffneten Soldaten gestürzt hatte?
Von Jerusalem her durchquere ich den Checkpoint Richtung Ramallah. Das Passieren zweier Drehkreuze dauert nicht mal eine Minute; noch ahne ich nicht, dass mich der Rückweg Richtung Jerusalem, durch das Labyrinth aus aneinander gereihten Metallgittern und Stacheldrähten, Drehkreuzen, Metalldetektoren und das scheinbar endlose Warten dazwischen mehr als die Hundertfache Zeit kosten wird.
Auf der Westbank-Seite des Checkpoints warten in einer nach aussen offenen ‘Wartehalle’ um die 300 PalästinenserInnen. Grünes Licht wirft lange Schatten der hohen, mich umgebenden Metallgitter auf den grauen Betonboden. Ansonsten ist die Halle stockdunkel. Benutzbare Toiletten oder Waschmöglichkeiten gibt es im ganzen Checkpoint nicht. Gebaut ist er für den Durchlass von 4000 Menschen pro 24 Stunden; wir werden jedoch 1500 Personen innerhalb von nur schon 3 Stunden zählen. Das Zählen von passierenden Menschen erfüllt für uns den Zweck, neben der israelischen Armee akkurate Daten über die Checkpoints zu liefern, die schlussendlich auf dem Schreibtisch der UN, dem internationalen roten Kreuz, und dem Quartet (Russland, US, EU, UN) landen.
Ins Innere des eigentlichen Checkpoint gelangt man durch käfigartige Gänge: gerade mal so breit wie ein Mensch, nach allen Seiten mit Gittern versehen, darin PalästinenserInnen im Gänsemarsch, an deren Ende Drehkreuze. Neben den Käfigen, hinter Gittern ein Kontrollraum, aus massiven Wänden und Panzerscheiben. Das einzige Licht im Raum sind ein paar rote Knöpfe – und die Umrisse einer schwarzen Gestalt. Es ist der Soldat, welcher während seiner Nachschicht das Öffnen und Schliessen der Drehkreuze reguliert.
An der Haltung des Soldaten ist zu erkennen, dass er immer wieder einschläft. Sobald dies von den PalästinenserInnen bemerkt wird, folgt ein Johl- und Pfeiforchester ihrerseits, welches ihn aus dem Schlaf schrecken wird. Sobald sein Knopfdruck dann die Drehkreuze öffnet, stürzen sich so viele Menschen wie möglich durchs Drehkreuz, ins Innere des Checkpoints. Mit einem weiteren Knopfdruck verriegelt der Soldat das Drehkreuz wieder ruckartig, oft nach nur wenigen Sekunden. Und immer wieder patrouillieren Soldaten vorbei. Im ganzen Checkpoint werde ich nie eine Situation zu Gesicht bekommen, in der israelische Soldaten und PalästinenserInnen sich in einem gemeinsamen Raum bewegen werden, ohne dass sie durch Gitter, Wände, oder Panzerscheiben getrennt wären.
Ob zur Arbeit, ins Spital oder in die Schule, die Wartezeit für die PalästinenserInnen variiert willkürlich. Man kann 20 Minuten bis zu 3 Stunden warten – jeden Tag. In der gleichen Zeit lässt sich die Schweiz durchqueren; hier sind es 50 Meter. Die Unvorhersehbarkeit der Wartezeit zwingt viele Arbeiter, sich schon um 3 Uhr morgens auf den Weg zum Checkpoint zu machen – sie stehen unter grösstem Druck, den Checkpoint so schnell wie möglich zu durchqueren. Manche Arbeiter dürfen &nbsp;aufgrund des Checkpoint einmal, manche drei Mal pro Monat zu spät kommen, bevor ihnen von ihrem israelischen Arbeitgeber auf der anderen Seite gekündigt wird.
Ich wende meinen Blick wieder den PalästinenserInnen zu. Die Hände in den Hosentaschen, die Kapuzen tief über die Stirn gezogen. Aus den Augenwinkeln nehme ich einen jungen Mann wahr; gegen das Metallgitter lehnend, schlottert sein ganzer Körper vor Kälte. Mitleid durchströmt mich. Ich wende meinen Blick von ihm ab.
Daneben steht eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die von einem jungen Mann gestützt wird. Ungefragt wird sie von den Männern in der Schlange vorgelassen. In den ‘Käfigen’ pressen sich die Männer an die Gitter, damit sich die alte Frau neben ihnen an den Metallstangen vorwärts bewegen kann. Ich bin besorgt darüber, dass sie von den vielen Männern, die beim Öffnen der Drehkreuzen nach vorne stürmen, erdrückt werden könnte. Erleichtert atme ich auf, als sie heil am anderen Ende ankommt. Ich beobachte, dass die Männer Frauen ungefragt die Schlange überspringen lassen. Die Aufrechterhaltung sozialer und damit menschlicher Normen und Regeln inmitten einer Situation, in der die Menschen unter solch grossem Druck stehen, berührt mich.
Ein älterer, gedrungener Palästinenser nähert sich mir. Dunkle Kleider, ein rot-weisser Palästinenserschal um seinen ledergebräunten Kopf gewickelt. Ich vermute in ihm einen einfachen Arbeiter und stelle mich durch meine Arabisch-Unkenntnisse auf die öfters erlebte Sprachbarriere ein. Als er jedoch die ersten Worte spricht, bemerke ich sein fast einwandfreies Amerikanisch. Er hätte mal fünf Jahre lang in New York gearbeitet, erzählt er mir – ich wurde wieder einmal, wie so oft hier, von meinen eigenen Vorurteilen eingeholt. &quot;Die ersten 20 Jahre der Besatzung waren die Besten&quot;, fügt er hinzu, &quot;da gab es noch keine Checkpoints, und wir konnten uns frei in der Westbank bewegen&quot;. Dazu muss man wissen, dass Checkpoints erstmals nach 1987 auftauchten, nach der ersten Intifada, einer palästinensische Massenbewegung zivilen Ungehorsams.
&quot;Die allermeisten Israelis denken, die Checkpoints seien ausschliesslich für die Sicherheit Israels&quot;, erzählt mir kurz darauf eine ältere Frau der israelischen Organisation Machsom Watch, die, wie wir, Checkpoints überwachen. Dem ausschliesslichen Sicherheitsaspekt widerspricht jedoch der Fakt, dass die meisten Checkpoints, wie auch Qalandya, nicht an der von der UN anerkannten, legalen Grenze zu Israel um 1967, sondern innerhalb der von Israel besetzten palästinensischen Gebiete gebaut wurden. Ein Teil Ostjerusalems wurde 1967, nach internationalem humanitären Recht illegal, besetzt und annektiert bzw. in den eigenen Staat integriert. Die restlichen Teile Ostjerusalems, die Israels Regierung nicht verwalten will, werden mittels einer Separations-Mauer und verschiedener Checkpoints leichter in die Westbank bzw. die besetzten Gebiete ‘abgestossen’. Die Strategie für diese illegale Grenzziehung lautet ‘so viel Land wie möglich für Israel, mit so wenigen PalästinenserInnen darauf wie möglich’. Dies manifestierte sich darin, dass der Mauerbau Israels viele palästinensische Dörfer von ihren Feldern und damit ihrer Existenzgrundlage abgeschnitten hat: Die PalästinenserInnen befinden sich nun östlich der Mauer in der Westbank, ihr Land jedoch westlich der Mauer, teilweise angeeignet durch Israel und für die ehemaligen BesitzerInnen unzugänglich.
<img title="Man bemerke die Aufforderung " style="padding-top: 5px; padding-right: 5px; padding-bottom: 5px; float: left;" src="uploads/RTEmagicC_Blog_23.01.2012_2.jpg.jpg" txdam="2902" height="225" width="300" alt="" />Was sind jedoch die Folgen, insbesondere des Qalandya Checkpoint? Die palästinensischen EinwohnerInnen Jerusalems werden vom Rest der palästinensischen Bevölkerung separiert und ihre Wohnorte stark fragmentiert, der Zugang zur annektierten Altstadt Jerusalems als religiöses Zentrum dreier Weltreligionen, zur Arbeit oder ins Spital ist für viele nun schwieriger zu bewältigen als die Reise in ein anderes Land. Viele haben Angst, dass der Tag kommen wird, an dem ihnen dieser Zugang gänzlich versagt wird.
Plötzlich ein Rumoren, Proteste aus der Menge. Ich erblicke junge Palästinenser, die Schlange überspringend, flink die Gitter über den ‘Käfigen’ erklimmend – sie suchen nach einem winzigen Spalt oder einem der Drehkreuze, um sich von oben her zwischen die schon dichtgezwängten Menschen in den Käfig-Gängen hineinzuzwängen. Eine gefährliche Angelegenheit, in den sich drehenden Drehkreuzen können sie leicht eingequetscht werden. Die Proteste schwellen in Sekundenschnelle zu einem, für mich unverständlichen, arabischen Stimmengewirr an. Die Schlange löst sich schlagartig auf und alle Männer stürzen sich gleichzeitig auf die drei engen Eingänge der Käfig-Korridore. Menschen werden gegen die Gitter geschwemmt, kleben daran. Das Prinzip &quot;der Frühste wird der Erste sein&quot; kippt nun zu &quot;der Stärkste wird der Erste sein&quot;. Im Gewimmel kann ich kaum einzelne Menschen erkennen; ich sehe nur all die Hände, die über den Köpfen Gitterstäbe umklammern. Einzelne Hände ohne erkennbare Besitzer. Sie klammern fest, lassen los, da sie von der sich bewegenden Masse weggezerrt werden.
Es tut weh mit anzusehen, wie sich Aggressionen, die durch den Checkpoint als Bauwerk einer fremden Besetzungsmacht entstehen, sich zwischen den PalästinenserInnen selbst entladen. Viele Frauen und ältere Männer nehmen sofort Abstand von der Menge, um nicht erdrückt zu werden. Sie werden nun mindestens eine Stunde neben der Menge warten müssen, damit sich der Aufruhr gelegt hat, und auch sie sich wieder durch die ‘Käfige’ wagen können. Einer von ihnen ist Ahmed. Er steht jeden Morgen um 3 Uhr auf, um durch seine Arbeit in Israel seinen vier Kindern eine Existenz zu ermöglichen. Wie unzählige Männer vor ihm, hat auch er sich vor Kurzem beim Druck gegen die Gitter einen Brustknochen gebrochen. Seitdem ist er vorsichtiger. Die Frustration und aufgestaute Wut, in den letzten Stunden beim Warten aufgebaut und nun ihren freien Lauf nehmend, ist beinahe in der Luft spürbar. Wie ein Ballon, der irgendwann einmal platzt.
Eine Welle der Erschauderung erfasst meinen Körper. Ob durch den Anblick vor mir, die Kälte oder beidem ausgelöst, weiss ich nicht. Emotionen verspüre ich in diesem Moment nicht. Was ich erblicke, hat meine Emotionen gelähmt. Hat mein Denken und meine Sprache abgewürgt. Ich kann nur dastehen, eine passive Zuschauerin, überwältigt, machtlos, nutzlos. Nur meine Augen arbeiten, saugen unentwegt alles um mich herum auf. Und je mehr sie aufsaugen, desto mehr verstumme ich. Eine innere Barriere erlaubt mir nicht, meinen Blick jeweils länger als ein paar Sekunden auf den ringenden Männern ruhen zu lassen. Auch wenn mich kaum jemand um mich herum wahrnehmen mag; meine Scham, diese Männer in ihrer verzweifelten Situation zu beobachten, hütet für mich ihre letzte, menschliche Würde, das wohl fundamentalste Menschenrecht. Die Installation des Checkpoint an sich, leer, ist nicht unmenschlich; erst die Atmosphäre, gefüllt mit Menschen, macht diesen Ort unmenschlich.
&quot;Keine Regierung der Welt tut das seinen Menschen an&quot;, bemerkt ein vorbeieilender Palästinenser mit einem Blick zu mir. Ein anderer Palästinenser wendet sich an mich: &quot;Es ist lieb, dass ihr hier seid; aber es nützt nichts. Es gibt keine Hoffnung; die Checkpoints sind immer noch hier und es wurde mit den Jahren nur noch schlimmer&quot;. Kleine symbolische Zeichen von Dankbarkeit werde ich in den nächsten Wochen trotzdem erleben: sei es eine Banane, ein Bonbon, oder einen Kaffee, welche mir im Checkpoint manchmal ohne Worte von den wartenden Menschen überreicht werden.
Auch auf Vorurteile werde ich hier treffen. Nach dem ich mich eines Morgens mit zwei Frauen von Machsom Watch unterhalten habe, erkundigt sich ein 19-jähriger Palästinenser bei mir, wer die Frauen seien. Ich erkläre es ihm. &quot;Die zwei sind Israelis und gegen die Checkpoints!?&quot;, fragt er verblüfft. Ich versuche ihm zu erklären, dass es auch viele Israelis gäbe, welche die Besatzung und die Checkpoints ablehnen würden. &quot;Das ist nicht möglich&quot;, entgegnet er,&nbsp; &quot;wenn die Israelis mich schlagen und attackieren wollen, tun sie es einfach. Sie müssen mich doch hassen.&quot; Wer könnte ihm in dem Moment dieses Vorurteil verübeln, schiesst mir durch den Kopf.
Die ersten Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch die Dachlücken des Checkpoints. Das abwechselnde Pfeifen der Männer wird bei Sonnenaufgang vom Pfeifen der Spatzen abgelöst – hüpfend auf einem Stacheldraht, 4 Meter über mir. Sie scheinen das Menschengewimmel unter sich mit Neugier zu beobachten – wahrscheinlich am vorurteilslosesten von uns allen.
Das Brüllen einer Soldatin schreckt mich aus meinen Gedanken. Wie muss es sich als älterer Palästinenser anfühlen, von einer 19-jährigen Teenager-Soldatin angebrüllt zu werden? Wie muss eine 19-jährige den alten Palästinenser als Menschen wahrnehmen, um ihm mit so wenig Respekt begegnen zu können? Dehumanisierung schiesst mir durch den Kopf; die Unfähigkeit, Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen anzuerkennen. Dies kann gleichzeitig der Ausweg aus einem inneren Konflikt sein, um einen Job mit sich vereinbaren zu können, den man, vielleicht auch ungewollt, auszuführen befohlen wurde. Hier sehe ich das Unmenschliche in diesem Checkpoint. Die Emotionen und das Mitgefühl nicht wahrnehmen zu können, zu wollen. Sogar damit zu spielen, was mir in subtiler Weise bald auffallen wird.
Ich werde erfahren, dass die Arbeit an Checkpoints die meist gehasste innerhalb der israelischen Armee sei – langweilig, monoton, die Stunden zählend. Und gleichzeitig ist für mich die Besatzung und das ungleiche, asymmetrische Machtverhältnis zwischen Israelis und PalästinenserInnen in diesem Checkpoint so unmittelbar spürbar wie selten. Wenn auch ein ungewollter und mühsamer Job: die Kontrolle einer verzweifelten Menschenmenge durch einen Knopfdruck kann Machtgefühle hervorrufen. Gefühlte Macht kann verführerisch sein, abhängig machen. In diesen Strudel geraten wohl die sogenannten ‘Black soldiers’ – so werden die ‘toughen’, aggressiven Soldaten innerhalb der Armee genannt. Daneben gibt es die netteren, ‘soften’ Soldaten – die ‘Yellow soldiers’. An so einen werde ich während meiner Checkpoint-Schicht am Neujahrsmorgen geraten. Aus dem Kontrollraum heraus wird er mich immer wieder taxieren, nicht feindlich, sondern mit einem seelenruhigen Blick. Anfangs ist es mir unangenehm und ich weiche aus; dann jedoch lasse ich meinen Blick in seinem Blick ruhen. Ohne Winken oder sonstige Gesten. Als er sieht, dass ich erkältet bin, hält er ein Taschentuch an die Panzerscheibe. Ich winke ab, aber lächle, denn die Geste berührt mich. Und inmitten des harten Checkpoints fühle ich plötzlich fast etwas Friedvolles in mir.
Nun ist es an uns, den Checkpoint zu durchqueren. Wir dürfen einen Gang benutzen, der für Frauen, Kinder und Kranke eingerichtet wurde – die ‘Humanitäre Reihe’. Ich spüre meine Angst. Dabei bin ich mir bewusst, dass diese vordergründig psychologisch ist, durch die Atmosphäre des Ortes selbst ausgelöst; jedoch lindert auch mein rationales Einreden, keine physische Gefahr erwarten zu müssen, die Angst nicht.
In einem von fünf kleinen Räumen mit Drehkreuz, welche zu den Metalldetektoren und Passport-Kontrollen führen, warten wir mit ca. 20 weiteren PalästinenserInnen. Ich stehe wie betäubt da und lasse das Warten über mich ergehen. Innerhalb von 50 Minuten werden wir nicht mehr als 2 Meter weit kommen. Dann ertönt die mechanische Stimme einer Soldatin; die jungen Palästinenser antworten mit Johlen und schlagen gegen die Blechwand. Das Drehkreuz wurde geschlossen. Den Grund werden weder wir noch die PalästinenserInnen erfahren. Ich werde in den nächsten Wochen merken, dass Willkürlichkeit hier System hat. Anstatt jedoch einem passiven Akzeptieren dieses&nbsp;Ausgeliefertseins&nbsp;Platz zu machen, werden mich PalästinenserInnen&nbsp;immer wieder durch&nbsp;ihren beharrlichen, trotzigen Widerstand und lauten Protest beeindrucken.
Uns selbst bleibt nichts anderes übrig als an einem anderen Drehkreuz neu anzustehen. Nach weiteren 50 Minuten bzw. fünf Stunden nach unserer Ankunft im Checkpoint trete ich in die Sonne hinaus. Ich blinzle. Bevor ich mich besinne, sitze ich in einem kleinen Bus, spüre die warmen Sonnenstrahlen durchs Fenster und sehe die Vorstadt Jerusalems an mir vorbeiziehen.
Langsam erwache ich aus diesem Alptraum, der für viele PalästinenserInnen Alltag ist. Zurück bleibt jedoch ein bestimmtes Gefühl. Es wird mich noch stundenlang begleiten. Ich bin da, aber ich bin nicht da. Die Hülle meines Körpers reagiert auf mein Umfeld, mein gefühltes Ich hat sich jedoch in die entfernteste Ecke meines Selbst verkrochen. Die Bilder im Checkpoint haben sich in mein Bewusstsein eingebrannt. Sie werden mich wohl nie mehr loslassen.
Unser Team überwacht und dokumentiert den Qalandya Checkpoint dreimal pro Woche, von 4.30-7.30 Morgens)]]></content:encoded>
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			<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 06:50:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>Die Hölle inmitten des Heiligen Landes - 05 Januar 2012</title>
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			<description>&quot;In Hebron, das ist kein Leben. Es ist die Hölle. Es ist wirklich die Hölle&quot;. So...</description>
			<content:encoded><![CDATA[&quot;In Hebron, das ist kein Leben. Es ist die Hölle. Es ist wirklich die Hölle&quot;. So beschrieb mir vor kurzem eine israelische Friedensaktivistin, eine ältere Frau namens Hanna Barag, die biblische Stadt Hebron, mit 175’000 Einwohnern eine der grössten Städte des Westjordanlandes. Das Westjordanland ist Teil des palästinensischen Gebietes, welches seit 1967 von Israel besetzt wird. Mit Hanna’s Worten im Hinterkopf mache ich mich auf den Weg an diesen Ort.
Kurz vor Anbruch des nächsten Tages. Ich befinde mich am<b>&nbsp;</b>Checkpoint 56, einem der offiziell 122 ‘physischen Hindernissen’ in Hebron. Dieser Checkpoint ist einer der wenigen Orte, an denen die Hauptfiguren des ganzes Israel-Palästina Konflikts täglich &nbsp;aufeinandertreffen: israelische SoldatenInnen, PalästinenserInnen, und israelische SiedlerInnen. Die zwei jungen Soldaten am Checkpoint– merklich gelangweilt von ihrer monotonen Arbeit – kontrollieren Identitätskarten und Taschen von Palästinensern. Diese lassen die Kontrollen, wie jeden Tag, mit verdriesslichen Gesichtern über sich ergehen. Was bleibt ihnen auch übrig, im Angesicht eines M16 Maschinengewehrs. Von Zeit zu Zeit fährt ein Auto mit israelischen Siedlern vorbei, erkenntlich an den Ringellöckchen und Kippas, den jüdische Kopfbedeckungen. Der Interakionskreis schliesst sich, indem Siedler bekanntermassen nicht nur Palästinenser, sondern auch Soldaten belästigen und attackieren. Gezählte positive Interaktionen in diesem Triangel: Null.
Hebron stellt den ganzen Israel-Palästina Konflikt auf engstem Raum komprimiert und am gewaltsamsten dar. Während das ganze Westjordanland in Areal A (unter palästinensischer Kontrolle), B (palästinensische und israelische Kontrolle), und C (unter israelischer Kontrolle) aufgeteilt ist, wurde die Stadt Hebron 1997 in zwei Teile unterteilt: H1 und H2. H1 ist unter palästinensischer Kontrolle, H2 unter israelischer. In H2 leben 30’000 Palästinenser. Zusätzlich wurden seit Beginn der Besetzung 1967 immer mehr Teile von H2 von israelischen Siedlern besetzt und in jüdische Viertel oder sogenannte Siedlungen transformiert. Heute leben ca. 500-700 ultra-orthodoxe israelische Siedler in H2. Zusätzlich wurden 1500-2000 israelische Soldaten in H2 stationiert, offiziell zum Schutz dieser Siedler. Diese Provision von Schutz ist nach internationalem humanitärem Recht jedoch illegal. Es ist einer Besatzungsmacht verboten ist, die eigene Bevölkerung in besetztes Gebiet zu transferieren oder sie dabei zu unterstützen.
Meine Augen suchen die Häuser oberhalb des Checkpoints ab. Ich treffe den Blick eines Soldaten, der auf dem Balkon eines übernommenen palästinensischen Hauses Stellung bezogen hat. Konstante militärische Präsenz ist in H2 zentral – laut ehemaligen Soldaten ist dies eine Form der Kontrolle, um die lokale Bevölkerung davon abzuhalten, die existierende Militärmacht anzufechten. Dazu würden auch willkürliche nächtliche Hausdurchsuchungen in palästinensischen Häusern gehören. Dies halte die Wahrnehmung von Ausgeliefertsein auf Seiten der Palästinenser und von Sicherheit auf Seiten der Siedler aufrecht. Mir wird erzählt, dass vor kurzem auch das Haus der internationalen Aktivistengruppe ISM durchsucht wurde. Auf die Frage, wieso ihr Haus durchsucht würde, bekamen sie von einem Soldaten die Antwort: &quot;To stay in shape&quot;.
Ein weiteres Problem ist der Doppelstandard bei der Behandlung von Siedlern und Palästinensern: In palästinensischen Häusern in H2 ist der Besitz grosser Küchenmesser nicht erlaubt – daher wird das Fleisch in den Shops oft schon gestückelt verkauft. Gleichzeitig ist es jedoch Siedlern erlaubt, in der Öffentlichkeit mit Maschinengewehren umher zu spazieren. Ein Samstagsspaziergang der Siedler-Familie, den Kinderwagen schiebend und gleichzeitig ein Angst einflössendes Maschinengewehr um die Schulter gehängt, ist kein seltener Anblick. Gewalt hat es dagegen auch auf palästinensischer Seite gegeben; im Sommer 2010 beispielsweise bekannte sich die Hamas zu einer Attacke, in der vier israelische Siedler getötet wurden. Recht wird jedoch nur selektiv durchgesetzt: Palästinenser müssen aufgrund leichteren Gewalttaten mit langen Gefängnisstrafen rechnen. Im Gegensatz dazu wurden laut der UN über 90% aller Anzeigen, die von Palästinensern bezüglich Siedler-Gewalt gemacht wurden, ohne Anklage geschlossen.
Ein weiteres Problem ist der Doppelstandard bei der Behandlung von Siedlern und Palästinensern: In palästinensischen Häusern in H2 ist der Besitz grosser Küchenmesser nicht erlaubt – daher wird das Fleisch in den Shops oft schon gestückelt verkauft. Gleichzeitig ist es jedoch Siedlern erlaubt, in der Öffentlichkeit mit Maschinengewehren umher zu spazieren. Ein Samstagsspaziergang der Siedler-Familie, den Kinderwagen schiebend und gleichzeitig ein Angst einflössendes Maschinengewehr um die Schulter gehängt, ist kein seltener Anblick. Gewalt hat es dagegen auch auf palästinensischer Seite gegeben; im Sommer 2010 beispielsweise bekannte sich die Hamas zu einer Attacke, in der vier israelische Siedler getötet wurden. Recht wird jedoch nur selektiv durchgesetzt: Palästinenser müssen aufgrund leichteren Gewalttaten mit langen Gefängnisstrafen rechnen. Im Gegensatz dazu wurden laut der UN über 90% aller Anzeigen, die von Palästinensern bezüglich Siedler-Gewalt gemacht wurden, ohne Anklage geschlossen.
Ich kehre Checkpoint 56 den Rücken zu und gehe die Shuhada Street entlang. Palästinenser dürfen hier nur zu Fuss gehen, währenddessen die Siedler in Autos vorbeifahren. Wie die Palästinenser schwere Güter jeglicher Art in ihr Haus schleppen sollen, ist ihnen überlassen. Viele andere Strassen sind exklusiv reserviert für Siedler; Palästinensern wird die Benutzung verwehrt. &quot;Sterile Zonen&quot; werden diese Areale auch genannt. Durch die Sperrung vieler Strassen für Palästinenser dürfen diese die Eingangstüre an ihrer Strasse nicht mehr benützen; so sind sie gezwungen, sich tagtäglich über die Dächer benachbarter Gebäude ihren Weg nach Hause durchzuschlagen. Andere Strassen können Palästinenser nur benutzen, wenn sie Einwohner dieser Strasse sind; Bewilligungen werden an den vielen Checkpoints überprüft. Gäste von ausserhalb sind nicht erlaubt. Manche Familienzusammenkünfte scheinen daher ähnlich aufwendig wie die Beantragung der Staatsangehörigkeit in einem fremden Land.
Durch diese schwere Restriktion der Bewegungsfreiheit der Palästinenser ‘geniessen’ die jüdischen Siedler praktisch komplette Trennung von ihren palästinensischen Nachbarn. Dieses Prinzip der Separation sollte laut dem Militär u.a. Gewalttaten, wie frühere Massaker an Juden (1929) und Palästinensern (1994) in Hebron, verhindern.
Die Folgen der israelischen Besiedelung Hebrons ist in der Altstadt von H2 am heftigsten spürbar. Wo vor der Besatzung 1967 noch einst ein lebendiger Markt und viele Läden das Leben Hebrons füllten, laufe ich nun durch eine Geisterstadt, ein Stadt-Wrack. Hunderte, wenn nicht tausende Palästinensische Einwohner in H2 wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und ihre Läden zu schliessen. All diese repressiven Massnahmen für 30’000 Palästinenser wurden von Israel mit dem Schutz von 500 israelischen Siedler begründet.&nbsp; Für die Palästinenser in H2 jedoch bedeuten sie die Zerstörung ihres sozialen Lebens und ökonomischer Grundlage, in ihrer eigenen Heimatstadt.
<img title="Die Palästinensische Seite (links) ist gerade mal halb so breit wie die der Siedler - obwohl auf der Palästinensischen Seite viel mehr Menschen unterwegs sind." style="padding-top: 5px; padding-right: 5px; padding-bottom: 5px; float: left;" src="uploads/RTEmagicC_Blog_05.01.2012_2jpg.jpg.jpg" txdam="2901" height="225" width="300" alt="" />Manche Stimmen nennen es Apartheid, andere bestreiten dies heftig, und Dritte behaupten, es sei noch viel schlimmer als Apartheid. Unabhängig der Terminologie ist jedoch Fakt, dass auf Teilen der Shuhada Street auf der einen Strassenseite nur Palästinenser, auf der anderen nur jüdische Siedler gehen dürfen. Abgetrennt durch einen 1 Meter hohen Betonwall. Um meiner vorgenommenen unvoreingenommen Annäherung an diesen Ort gerecht zu werden, laufe ich kurz auf der Strassenseite der Siedler, hüpfe schlussendlich aber über den Betonwall zur Palästinensischen Seite.
Der Zugang zu den verschiedensten Areale der Stadt kann von Moment zu Moment verwehrt werden. Angegebene Gründe des Militärs: &quot;Closed military zone&quot; oder &quot;Military order&quot;. Auch beliebt ist das unbestimmte und daher oft benutzte &quot;For security reasons&quot;, mit dem sich so ziemlich jede Handlung rechtfertigen lässt. Mit diesem Vorwand wurden in der Vergangenheit tage-, wie auch wochenlange Ausgangsperren für die Palästinenser oder das Schliessen von Palästinensischen Läden gerechtfertigt.
In einer engen, lebendigen Gasse in der Altstadt ist beim Teetrinken in einem palästinensischen Laden die gewaltaufgeladene Umgebung schon fast verdrängt. Doch dann richtet sich mein Blick nach oben: in 3 Metern Höhe ist die Gasse auf ganzer Länge mit einem Netz aus Maschendraht versehen. Dieses wurde angebracht, da Siedler viele obere Stockwerke Palästinenser Häuser übernommen hatten und nun undefinierbaren Abfall, Steine, manchmal auch Fäkalien oder giftige Flüssigkeit in die Gasse werfen, wo Palästinenser sich bewegen.<br /><br />Der Tag ist zu Ende. In den Strassen Hebrons spaziere ich zwischen einem mich umgebenden existentiellen Kampf ums Dasein – von Glaube, Zerstörung von Würde und Integrität, physischer und psychologischer Gewalt, Erniedrigung, durch Metalldetektoren und separierte Strassen, deren Wandgraffitis Identitäten nicht strenger definieren und exkludieren könnten&nbsp; - inmitten von unzähligen individuellen Tragödien, sowohl auf Palästinensischer, als auch auf Seiten israelischer Siedler.<br /><br />Nun, war es wirklich die Hölle? Was ich sehe, höre, fühle: eine erstarrte Hölle, ein stilles, eingespieltes Schlachtfeld um Land. Nun habe ich mit meinen Augen gesehen, aber mein Kopf begreift noch immer nicht – eine für mich surreale, absurde, befremdende Version von Realität. Und gleichzeitig die Gewissheit, dass dieser Status von Separation und das Level von Bedrohung für viele Menschen in Hebron alltäglich ist. Trotz allem: Auch hier treffe ich auf Freude am Leben, Herzlichkeit und grosszügige Gastfreundschaft. Plötzlich stelle ich mit leichtem Schrecken fest, dass die Wiederkehr ähnlicher Orte, Geschichten, und Realitäten von Leiden und Gewalt verschiedenster Formen auch meine Emotionen allmählich verblassen lässt.
Lea]]></content:encoded>
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			<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 06:50:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>Die Schulhefte eignen sich besonders gut zum Anzünden - 01 Mai 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/die-schulhefte-eignen-sich-besonders-gut-zum-anzuenden-01-mai-2009.html</link>
			<description>Adla hockt auf ihrem Schemel und reisst langsam ein Blatt aus einem Schulbuch ab. Dann rollt sie...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Adla hockt auf ihrem Schemel und reisst langsam ein Blatt aus einem Schulbuch ab. Dann rollt sie das Blatt fein säuberlich und zündet es am einen Ende andächtig an. Fast so feierlich wie bei einer guten Zigarre geht das. Dann öffnet sie die kleine Luke und schiebt die Rolle hinein.
Das ist überall so. Bei Yasser ist grad ein Bild vom Tagh Mahal dran, bei Nasiha die Skizze zum Pythagorassatz. Und hier bei Adla ein ziemlich rotes Prüfungsblatt. Wenn auch nicht alle gleich gut sind in der Schule. Und auch nicht gleich gut aufpassen, das Papier eignet sich ausgezeichnet zum Anzünden. Jetzt in dieser kalten Zeit. Nachdem es im Januar viel zu warm war, war es im März eher zu kalt, alle mussten heizen. Und nur wir im internationalen Haus haben einen Elektroofen, doch auch der geht nicht immer. Jetzt ist die Elektrizität zum zweiten Mal in einer Woche ausgegangen. Es wird für die ganze Nacht aus sein, gar nichts geht mehr im Dorf. Diesmal auch nicht auf den nahen Hügel-Siedlungen. Etwas kindisch haben wir uns darüber gefreut, dass es diesmal auch die Siedler erwischt hat, die sonst durch bessere elektrische Installationen geschützt sind. Vielleicht haben die Siedler auch keine Holzofen mehr.
Umso schöner ist es dann bei Adla, unserer Nachbarin. Nach dem Papier kommt das Kleinholz. Nie vorbereitet, kommt jeweils ein ganzer Busch in Haus. Die Hauptperson ist der Feuermeister. Hier ist es Adla, die Urmutter, die Hälfte der BewohnerInnen in Yanoun stammen von ihr ab; sonst ist es oft der Vater. Und diese Hauptperson reisst nun die kleinsten Ästchen ab. Das ist manchmal schwierig, denn das Holz ist nicht immer trocken. Und manchmal ist auch die Öffnung im Ofen zu klein. Und manchmal kommen die Zweige zu spät und es braucht ein zweites Blatt aus dem Schulbuch. Und wenn es halt gar nicht geht, etwas Petrol, mitten im Wohnzimmer, und oft mit schlechtem Abgasrohr. Oder schlimmer: Die Feuermeisterin zündet irgendein Stück Plastik an. Das brennt dann gut und die brennenden Tropfen entzünden auch halbfeuchte Äste. Später, wenn das Feuer richtig brennt, wird es erst recht heimelig. Mit einer kleinen Schöpfkelle werden ständig getrocknete Mandelschalen und Oliventräsch nachgeschüttet. Das riecht unheimlich gut. Und dann überhocke ich jeweils etwas. Nicht zu lange, denn beim Morgengrauen haben alle Bergbauern wieder zu tun.
Fast habe ich die zweite Heizung vergessen. Besonders wenn es Fleisch zum Znacht gibt, wird draussen ein richtiges Feuer gemacht. Und später nach dem Braten, wärmt die Holzkohle das Zimmer fast noch besser als der Ofen sonst. Nur darf man nichts nachschütten. Und es schmeckt halt nicht so gut wie die Mandelschalen und der Oliventräsch.
Das werde ich in der Schweiz vermissen.
Peter]]></content:encoded>
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			<pubDate>Fri, 01 May 2009 06:50:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Die traumwandlerische Überlegenheit der ’Westler’ Oder:  60 Jahre UNWRA – kein Grund zum Feiern - 30 April 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/die-traumwandlerische-ueberlegenheit-der-westler-oder-60-jahre-unwra-kein-grund-zum-feie.html</link>
			<description>Manchmal diese fragenden und hilfesuchenden Augen. Sie fragen, warum wir nicht mehr machen können....</description>
			<content:encoded><![CDATA[Manchmal diese fragenden und hilfesuchenden Augen. Sie fragen, warum wir nicht mehr machen können. Dann auch mit Worten: Ihr kommt immer wieder zu uns, doch die Siedlungen verschwinden nicht, im Gegenteil, in letzter Zeit und seit den Wahlen in Israel treten die Siedler noch offensiver auf. Oder am Checkpoint: Jetzt warten wir schon über 2 Stunden und Ihr seid hier, warum tut ihr nicht mehr? Oder die Personen in der Zelle: Könnt Ihr uns nicht herausholen? Und dann noch direkter: Wir brauchen Geld für einen neuen Bus oder eine neue Strasse.
Dann erklären wir, dass wir selbst nicht solche Hilfe einfädeln, sondern „nur“ weiterleiten können. Oder das sie selber anrufen können. Das sind sie sich manchmal nicht mehr gewohnt. 60 Jahre abhängig sein, nie genug Raum haben für eigene Entwicklungen. Man gewöhnt sich an die Abhängigkeit. Das ist an allen Ecken zu spüren. Und oft verstärken wir dieses Bild auch. Wir wissen so schnell, was zu tun ist. Wir sind so schnell in der Falle, schnell sind wir diejenigen, die wissen was zu tun ist. Dann sind auch wir Botschafter der Überlegenheit des westlichen Kapitalismus. Die erleben die Palästinenser schon oft genug durch die Israeli: Jene produzieren kostengünstiger, rationeller, machen den Boden maschinell für Massen–Agrar-Business parat. Orangen und Blumen aus dem heiligen Land. Und unser altes Bild vom Kibbutz, der aus nichts oder aus Wüste fruchtbares Land hervorzaubert, ist auch Teil dieses Bildes.
Und von diesem Bild lebt manches in Palästina: Was wird hier schon ohne EU- und UN-Hilfe gebaut. UNWRA (the United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) und OCHA (Office of the coordination of humanitarian affairs), die beiden grossen UNO-Hilfswerke hier in Palästina seit 60 Jahren. Am Schulhaus von Yanoun prangt&nbsp; das EU-Wappen. Und die Sterne auf blauem Grund leuchten beim lokalen EW. Und im Haus nebenan ein halbvoller Sack der UN-Hilfe. Oder in einem Supermarkt in Nablus sehen wir gar einen Sack Milchpulver der UN mit Vermerk 'darf nicht verkauft werden' – es ist wie in einem schlechten Film. Stereotype Vorurteile über fehlgeleitete Entwicklungshilfe. Nein, davon will ich nicht auch noch ein Photo machen. Es ist ja auch eine Ausnahme. Aber die Abhängigkeit ist keine Ausnahme, 60 lange Jahre abhängig sein macht dumpf. ‘Es gibt viele Arten zu töten’ sagt Dorothee Soelle einmal. Man kann auch töten durch Abhängig-Machen, durch Helfen sogar. Das tun umgekehrt auch die Dorfbewohner. Fast täglich bekommen wir das Essen geschenkt, schon warm in Schüsseln. Dann vergessen wir zu kochen, erwarten schon die tägliche Gabe. ‘They are killing us by feeding’, sagen wir dann scherzhaft.
Manchmal ist es noch ganz anders. Da mache ich mein Nickerchen auf einer kleinen Wiese, werde vom Nachbarn geweckt der mich zum Kaffee einlädt. Und plötzlich komm ein Nachbarsjunge mit ängstlichen Augen &quot;mein Vater ist krank, könnt ihr ihm helfen?&quot; Zuerst wittere ich Fragen nach Geld. Doch in der Wohnung merke ich sofort: der Mann ist zutiefst depressiv. Er zeigt mir alle Medikamente, die er im Spital Nablus bekommen hat. Auch den riesigen Streifen seines EEG's. Und dann soll ich ihm helfen. Wieder diese fragenden Augen, als ob ich es wüsste. Ich lese die englischen Beschreibungen (starke Psychopharmaka) und bestärke ihn, die Medikamente regelmässig zu nehmen. Mapsut il hamdilla. Insch allah – Wenn Gott will, wird er helfen. Ich werde auch für dich beten. Diese Hilflosigkeit kenne ich aus meiner Zeit als Spitalpfarrer in der&nbsp; Psychiatrie. Doch hier ist sie gepaart mit den übergrossen Erwartungen an den Internationalen, der mehr kann als die lokalen Ärzte in Nablus. Riesengrosse Heilserwartung, fast wie bei Jesus, denke ich.
Dabei sind wir so hilflos. Doch unsere Hilflosigkeit sitzt tiefer, ist oft kaschiert von Telefonanrufen und Flugblättern oder gar Aktionen. Es ist so schwer, nichts tun zu können und die schwierige Situation bloss mit den Bewohnern zu teilen. Und die Fragen auszuhalten, ohne Antworten zu geben, weder in Worten und schon gar nicht in Taten.
Doch dies ist das einzig Richtige. Nur sie, die Palästinenser können in dieser Sackgasse aushalten, ihren Weg sehen und gehen. Denn eigentlich sind 60 Jahre UNWRA genug. Immer wieder gilt es&nbsp; selber aufzustehen und gerade zu&nbsp; stehen für die Palästinenser. Und für uns, die Falle der&nbsp; schlafwandlerischen Überlegenheit des Westens zu erkennen und zu vermeiden.
Peter]]></content:encoded>
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			<pubDate>Thu, 30 Apr 2009 07:00:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Die Trennungsanlage als unmittelbarer Nachbar - 29 April 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/die-trennungsanlage-als-unmittelbarer-nachbar-29-april-2009.html</link>
			<description>Nach zehn Orientierungstagen in Jerusalem reisen wir in den jeweiligen Teams zu unseren...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Nach zehn Orientierungstagen in Jerusalem reisen wir in den jeweiligen Teams zu unseren Einsatzorten, um uns mit den auf uns zukommenden Aufgaben vertraut zu machen und um die ersten Kontakte mit den Einheimischen zu knüpfen. Im Folgenden möchte ich einen kleinen Einblick in die Situation in und um Jayyous geben, wobei ich mich auf Informationen berufe, die ich in den ersten Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung erhielt.
Jayyous ist ein Dorf mit ca. 3'500 Einwohnern, wobei die meisten von ihnen Bauern sind. Die Trennungsanlage verläuft am Rande des Dorfes vorbei, wodurch das Land der Bauern und die sechs Wasserquellen zwischen der Trennungsanlage und der grünen Linie von 1949 liegen. Dadurch müssen die Bauern zur Bearbeitung ihres Landes Kontrollposten passieren. Ausweise sind dafür notwendig, die nach einem undurchschaubaren System von der israelischen Zivilverwaltung bewilligt und eingezogen oder erst gar nicht verteilt werden. Zudem sind die Bauern auf die teils sehr eingeschränkten Öffnungszeiten der Checkpoints angewiesen, wodurch die notwendige Pflege des Gemüses und der Früchte nicht gewährleistet werden kann, was sich auf die Ernte und somit auf das Einkommen der Bauern auswirkt.
Der Bau der Trennungsanlage fand während den Jahren 2002/03 statt. Im Juni 2008 reichte die ACRI (Association for Civil Rights in Israel) im Auftrag der Gemeinde Jayyous eine Petition beim Gericht ein, wobei eine Verlegung des Zaunes auf die Grenzen von 1949 gefordert wird. Das Gericht beschliesst die Notwendigkeit einer Neuverlegung der Route. Daraufhin präsentiert die israelische Armee einen Vorschlag, der jedoch nicht den Forderungen der Petition nachkommt. Nur ca. 2'500 von den 8'600 dunums (1 dunum = 1'000m2) würden auf die palästinensische Seite des Zaunes zu liegen kommen, zudem würden vier Wasserquellen und die Mehrheit der Gewächshäuser weiterhin auf israelischem Gebiet liegen. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass durch das Errichten eines neuen Zaunes auf palästinensischem Gebiet wiederum Landwirtschaftsland der Betroffenen zerstört werden würde.
Da die Dorfbewohner mit diesem Entscheid nicht zufrieden sind, werden nun seit November 2008 jeweils am Freitag Demonstration im Dorf durchgeführt. Mitbeteiligt sind Einheimische, Israelis und internationale Friedensaktivisten. Die ursprünglich gewaltfreien Demonstrationen haben jedoch in den letzten Wochen regelmässig zu Eskalationen geführt. Nach dem offiziellen, noch ruhig verlaufenden Teil greifen junge Demonstrationsteilnehmer zu Steinen und bewerfen damit die israelischen Soldaten. Diese reagieren mit Knallschüssen, Tränengas - was auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere hat - Gummigeschossen oder verkünden Ausgangssperren. Da einige Dorfbewohner diese Kollektivstrafen der israelischen Armee satt haben, wird immer mehr Kritik gegen die Organisatoren der Demonstrationen laut. Dorfbewohner, der Bürgermeister, sowie die Palästinensische Autonomiebehörde machen die Organisatoren der Demonstrationen für die aggressiven Ausschreitungen verantwortlich und fordern gewaltfreie Proteste. Die Organisatoren selbst betonen, dass sie einheimische wie anreisende Demonstranten zu gewaltfreien Protesten auffordern, wobei diese Anweisungen nicht befolgt werden. Die Organisatoren sind im Moment unschlüssig, wie sie die Forderung nach einer gewaltfreien Demonstration gewährleisten können. Aus diesem Grunde werden zur Zeit keine offiziellen Demonstrationen organisiert. Das Zustandekommen von nicht offiziell geplanten Protesten, bei denen vor allem junge Menschen teilnehmen, die Soldaten mit Steinen bewerfen, worauf dann das Militär wieder mit ihren Mitteln reagiert, konnte bis anhin nicht verhindert werden.
Jael]]></content:encoded>
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			<pubDate>Wed, 29 Apr 2009 08:45:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Die ersten Tage in Hebron - 28 April 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/die-ersten-tage-in-hebron-28-april-2009.html</link>
			<description>Von Donnerstag bis Samstag fand unser Handover in Hebron statt. Das Bedeutet, dass uns das aktuelle...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Von Donnerstag bis Samstag fand unser Handover in Hebron statt. Das Bedeutet, dass uns das aktuelle Team die Gegend zeigt, uns mit unseren zukünftigen Aufgaben vertraut macht und uns den lokalen Kontakten vorstellt.
Als ich in Hebron angekommen bin, habe ich gleich Unterschiede zu Jerusalem bemerkt: hier gibt es nur wenige Touristen und nur wenige Israelis sind in den Strassen anzutreffen. Offensichtlich „mischen“ sie sich hier nicht mit der palästinensischen Bevölkerung, sie bleiben in der Nähe ihrer Siedlungen. Die grössten dieser Siedlungen sind etwas ausserhalb der Altstadt gelegen, die kleineren Befinden sich hingegen im Herzen der palästinensischen Stadt (so z. B. Tel Rumeida). Dies ist der Grund für viele Probleme hier, die Siedler bewerfen PalästinenserInnen mit Steinen und Müll. Davon habe ich vorher schon gehört und es ist wirklich schmerzlich anzusehen. Traurig ist auch, dass sich gleich neben der Ibrahimi Mosche und der Cordobaschule je ein Checkpoint befindet. Betroffen bin ich auch von der „Geisterstrasse“, wo früher ein lebendiger Markt war, sind die Läden von der israelischen Armee geschlossen worden. Geht man heute dieser Strasse entlang, sieht man nur grüne und violette Ladentüren. Leider helfen auch die Farben nicht und die Strasse ist kein schöner Anblick.
Dies sind meine ersten Eindrücke von Hebron. Aber bevor ihr denkt diese Stadt ist deprimierend, lasst mich auch noch von den wundervollen Menschen dort erzählen. So gibt es etwa den Ladenbesitzer im alten Souk, welcher uns immer Tee anbietet, wenn wir vorbei gehen, viele gastfreundliche Familien mit ihren vielen Kindern, welche alle schon attackiert und von SiedlerInnen beschimpft wurden und Mädchen der Cordobaschule, die perfekt Englisch sprechen und sich gern mit uns unterhalten, verschiedene Organisationen und ganz besonders auch unser zuvorkommender Vermieter.
Alle diese Personen treffen wir regelmässig und sie helfen, uns in Hebron wohl zu fühlen. Als Gegenleistung hoffe ich, sie durch meine Anwesenheit etwas unterstützen zu können, ihnen zuzuhören und etwas Zeit mit ihnen zu verbringen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Beziehungen etwas Farbe nach Hebron bringen.
Joelle]]></content:encoded>
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			<pubDate>Tue, 28 Apr 2009 08:39:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Der FC Aqraba ist nicht fair - 27 April 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/der-fc-aqraba-ist-nicht-fair-27-april-2009.html</link>
			<description>Ghassan ist unser Fahrer. Er gehört fast als fünftes Wagenrad zu unserem Team. Er fährt uns, wohin...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Ghassan ist unser Fahrer. Er gehört fast als fünftes Wagenrad zu unserem Team. Er fährt uns, wohin wir wollen. Er kennt jede Familie, auch in Dörfern weit weg. Er wartet stundenlang auf uns. Er hilft uns beim Einkaufen schwieriger Dinge. Er übersetzt, wenn es nötig ist. 
Erst seit einigen Tagen weiss ich, dass Ghassan auch der Coach beim hiesigen FC ist, den er gegründet hat und in dem er auch lange Jahre gespielt hat. Darum kennt er doch alle Jungen. Besonders den etwas ausgefransten sagt er besonders aufmunternd Grüezi, hält mit dem Auto sogar kurz an und lässt die Scheibe runter. Wir reden von Integration auf dem Fussballfeld: Auch Palästinenser sind nicht gleich Palästinenser: die verschiedenen Herrscher und Besatzungsmächte haben hier ihre Spuren hinterlassen. Wer eine besonders dunkle Hautfarbe hat, wird gerne ausgegrenzt. Mit einem Seitenblick auf Ghassan denke ich, dass Ghassan weiss, wovon er spricht.
Und ich werde wieder wütend auf den Stadtpräsidenten von Aqraba: Dieser ehemalige Lehrer sitzt auf dem hohen Ross und geniesst es, bedeutend zu sein. Uns fragt er zuerst nach dem Uni-Abschluss: ob wir einen haben. Theologie zum Beispiel zählt natürlich nicht, das kennt er schon gar nicht. Und für die Imame hat er glaube ich auch nicht viel übrig. Doch die Höhe war das kürzliche Gespräch: &quot;Ist denn euer Ghassan-Taxifahrer fair (in seinen Preisen)?&quot; &quot;Ja er ist und wie.&quot; Doch der Präsident fährt fort: &quot;Nein, er ist nicht fair. - Er ist dunkel.&quot; Die Doppelbedeutung von fair im Englischen.
Und der Präsident grinst. Ja, Ghassan weiss, wovon er spricht. Er hat in den letzten Jahren auch ein Jugendhaus gründen helfen. So ist es auch in Sirnach manchmal. Menschen, die selbst wissen, wie schwer Integration ist, leiten andere zur Integration an. Und das geschieht halt manchmal mehr in Jugendhäusern und fast immer mehr auf dem Fussballplatz als in der Kirche. Als Pfarrer habe ich das lernen müssen. Fussball richtet auf, gibt Identität. Das sieht man auch auf den Plakaten, jetzt noch manchmal überlebensgross: Yassir Arafat und Sepp Blatter. Und beide geniessen dies. Ein Zeichen für den Fussball und für Palästina. Und für die beiden alten, manchmal auch etwas gerissenen Männern damals. Und bis heute.
Peter]]></content:encoded>
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			<category><a href="laender/palaestina/in-kuerze.html" title="Palästina">Palästina</a></category>
			
			
			<pubDate>Mon, 27 Apr 2009 06:16:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&quot;Das Meiste habe ich von meinen Kindern gelernt&quot; - 24 April 2009</title>
			<link>http://www.fairunterwegs.org/no_cache/jung-fair/einsatz-fuer-menschenrechte/blog-palaestinaisrael/blog-detail/article/das-meiste-habe-ich-von-meinen-kindern-gelernt-24-april-2009.html</link>
			<description>- hat Dimitri gesagt, der Clown von Ascona. Und so ist es auch.
Umm Jakob wird Birgitta genannt,...</description>
			<content:encoded><![CDATA[- hat Dimitri gesagt, der Clown von Ascona. Und so ist es auch.
Umm Jakob wird Birgitta genannt, meine Kollegin in Yanoun. Vor einem Jahr ist ihr Sohn Jakob hier gewesen. Und dann hat er so lebendig erzählt, dass auch die Mutter Feuer gefangen hat. Und hier in Yanoun hat er so hoffnungsfroh und voller Ausstrahlung gelebt, dass sich noch alle gut an ihn erinnern können. Und darum hat Birgitta einen grossen Vorschusskredit, wenn wir Leute besuchen. Umm Jakob, das bezeichnet eine tiefe Würde. Nicht zum ersten Mal ist das so, auch im letzten Team war ein Vater eines ehemaligen EAPPI-Mitglieds in Yanoun. Abu EAPPI, das ist vielleicht noch mehr. Der Vater halt. Yanoun steckt an. Wohl weil alle, die hier sind, sich bald zuhause fühlen und ein Stück ihrer Seele hier lassen. Das werde ich wohl auch.
Auch wenn ich das Umgekehrte immer wieder erlebe: Zwar sage ich ernstaft, ich bin Abu Martina. Doch das sagt man wirklich nicht. Wenn man nur Mädchen hat, schweigt man besser – ich schweige nicht.
Sondern ich erzähle dann, was ich von meinen Töchtern gelernt habe: Das Teetrinken vor dem Morgenkaffee etwa. Oder der partnerschaftlich klare Umgang mit Schulkindern. Der Ausdruck des Lebens im Tanz oder das kindliche Spiel.
So wie ich es bei Dimitri gelernt habe in einem zweiwöchigen Kurs zur theatralischen Improvisation. Und weil mir dies so viel gebracht hat, haben wir unseren Kindern allen zum 20ten Geburtstag einen Gutschein für einen Dimitrikurs geschenkt – sie sind alle in verschiedene Kurse gegangen, und was sie dabei gelernt haben, haben sie wieder uns Eltern gelehrt. Wie Nina auch. Ich treffe sie in Aqraba. Wir warten auf eine Demonstration gegen die Landenteignung und Hauszerstörung im Weiler Tawayel. Auch Nina ist eine Internationale, sie ist in Palästina für ISM unterwegs, International Solidarity Movement. ISM tritt stärker auf als wir, junge Aktivisten halt, mit einem Hang zur theatralischen Selbstdarstellung. Das kann manchmal gut sein, wenn Internationale Dinge beim Namen nennen was die Palästinenser nicht immer tun können. Manchmal ist es auch einfach jugendlicher Übermut. Und wenn es schlimm kommt, ist es eine neue Art von Kolonialismus: dann bewundern die Palästinenser mit staunenden Augen, wie mutig die Internationalen doch sind. Und manchmal müssen sie dann auch trauern, weil die ISM zu fest provoziert hat und die Siedler, die Soldaten oder die Polizei entsprechend zurückschiessen. 
Umgekehrt, das muss ich hier anfügen sind wir EAPPI`s manchmal auch etwas flügellahm: Sehen, gesehen werden und berichten. Das ist zwar ein gutes Programm. Doch manchmal bräuchte es doch etwas mehr. Und dann sind uns die Hände gebunden. Nina kommt aus Norwegen, ich komme aus der Schweiz. Ihre Schwester studiert gerade in der Schweiz, im italienischen Teil. Eine breite Schauspielerausbildung bei einem Clown. Und dann müssen wir lachen: wie klein ist doch die Welt. Jetzt ist also die Schwester von Nina bei Dimitri in der Ausbildung. 
Später bei der Demo sind die ISM- Leute ziemlich mit sich beschäftigt, Nina sieht mich gar nicht mehr, wenn ich vorbeigehe. Denn sie stehen im Kreis und beratschlagen. Jugendliche Selbstvergessenheit, die sich im eigenen Kreis dreht. Doch dann beginnt vorne eine wirkliche Theateraufführung. Jugendliche aus Aqraba spielen das Leben auf dem Land, wie die Siedler sie vertreiben wollen. Und wie die Dörfler sich wehren. Sie spielen gut und ausdrucksstark, die jungen Aqraba-Leute. Jetzt staunen auch die ISMler, vergessen ihren möglichen Auftritt und lernen von diesen Jungen. 
Peter]]></content:encoded>
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			<pubDate>Fri, 24 Apr 2009 07:00:00 +0200</pubDate>
			
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