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18. Januar 2011

Einbrüche beim Sahara-Tourismus

Reisen in die Sahara lassen sich immer schwerer verkaufen. Unter Touristen geht die Angst vor Entführungen durch die Terrororganisation "El Kaida im Maghreb" (AQMI) oder durch kriminelle Banden um. Unter den zurückgehenden Gästezahlen leiden besonders die Tuareg in Mali und Niger, die nach den Dürren der vergangenen Jahrzehnte immer mehr auf Tourismus gesetzt haben.

Bild: Globalsecurity.org

Die Ermordung des Franzosen Michel Germaneau im Norden Malis Ende Juli 2010 hat unter Urlaubern Angst vor unkalkulierbaren Risiken einer Reise in die Wüste geschürt. Germaneau war nicht einmal unerfahren. Der 78jährige hatte in der Öl-Industrie Algeriens gearbeitet, bevor er beschloss, sich für die humanitäre Arbeit einer kleinen Hilfsorganisation zu engagieren, die dringend benötigte Schulen für Tuareg errichtet.

Bereits im Dezember 2009 wurden drei Urlauber aus Saudi-Arabien bei einem Wüstentrip in Niger überfallen und getötet. Schon seit Monaten warnen das Auswärtige Amt und andere europäische Aussenministerien Touristen ausdrücklich vor Reisen in den Norden Malis und den benachbarten Niger. Doch ungeachtet der Reisewarnungen brach eine 79jährige Darmstädterin im Januar 2009 mit einem Reiseveranstalter in die Sahara auf. Gemeinsam mit drei weiteren europäischen Reisenden wurde sie von AQMI gefangen genommen. Aus der geplanten 11-tägigen Reise wurden drei Monate Geiselhaft.

Riskante Reisen
Zwar kamen die Urlauber wieder frei, doch solche Reisen können Touristen teuer zu stehen kommen. Nicht nur die psychologischen Folgen der Verschleppung sind unabsehbar, auch finanziell kann ein solcher Trip zum Desaster werden. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts müssen Deutsche die Kosten für ihre Befreiung nämlich grundsätzlich selbst tragen. Ob und in welcher Höhe die Touristen zur Kasse gebeten werden, entscheidet das Auswärtige Amt im Einzelfall. Wer explizite Reisewarnungen des Ministeriums ignoriert, muss später zumindest einen Teil der Rettungskosten zahlen.

Touristen bleiben fern
Vor allem im Norden Malis und Nigers verzeichnet der Tourismus massive Einbrüche. Während Weihnachten 2008 noch 20'000 Urlauber in die Touristen-Metropole Timbuktu im Norden Malis kamen, waren es ein Jahr später weniger als 5'000. "Es ist ein Unglück für unsere Region", klagt der Hotelbesitzer Boubacar Touré. Waren Weihnachten 2008 noch 200 Gäste in seinem Haus, so kamen zu den Festtagen 2009 nur noch vier Europäer. Rund neun Millionen Euro brachte der Tourismus bislang jährlich in die Region. Geld, das in dem lange von der Regierung vernachlässigten Norden des Landes dringend gebraucht wird. Zwar versuchen die Behörden, den Kollaps des Tourismus abzuwenden, indem sie zum Beispiel das von vielen Reisenden besuchte Musik-Festival aus dem Wüstenort Essakane in die Umgebung von Timbuktu verlegten. Doch europäische Urlauber meiden die Tuareg-Gebiete im Norden Malis und Nigers.

Von dieser Entwicklung profitierte bislang der Süden des Nachbarlandes Algerien. Die Zahl der dort übernachtenden Gäste nahm in der Reisesaison 2009/2010 um 40 Prozent zu. So reisten fast 34'000 europäische Touristen zwischen Oktober und Dezember 2009 in die südalgerische Stadt Tammanrasset. Doch nach der Ermordung von elf Polizisten in Südalgerien im Sommer 2010 ist auch dort der Tourismus akut gefährdet.

Massive Folgen für die Tuareg
Unter dem Einbruch des Tourismus in ihren Regionen leiden vor allem die Tuareg. Nach den Dürrekatastrophen der letzten Jahrzehnte, bei denen viele Nomaden ihre Herden verloren, hatten sie sich den neuen Bedingungen angepasst und lebten immer mehr vom prosperierenden Tourismus. Der Mythos der "stolzen Tuareg-Krieger" lockte hunderttausende Urlauberinnen und Urlauber in die Sahara. Tuareg arbeiteten für sie als Fremdenführer, Fahrer, Reisebüro-Besitzer und verkauften selbst gefertigtes Kunsthandwerk. Mit dem Zusammenbruch des Tourismus verlieren viele Tuareg nun erneut ihre Lebensgrundlage. Auch droht noch mehr Gewalt, denn Algerien kündigte jüngst an, mit 75'000 Soldaten die rund 250 AQMI-Kämpfer in der Sahara jagen zu wollen. So droht der Sahara eine massive Militarisierung, die die Lebensbedingungen der Tuareg weiter erschweren wird.

Der Beitrag erschien in Tourism-Watch, September 2010. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

AutorIn: Ulrich Delius, Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

Kategorie: Algerien, Brennpunkt Tourismus, Burkina Faso, Entwicklungspolitik , Krisen – Krieg & Katastrophen, Mali, Marokko, Mauretanien, Menschenrechte, Niger


Bettina, 27-01-11 08:04:
Liebes Fair Unterwegsteam
Besten Dank für den Artikel zu Mali.
Da können wir nur dazu fügen, nicht nur die Tuaregs leiden durch diese Einbrüche.
Das ganze Land! Und zwar bis in alle Bevölkerungsschichten und sehr, sehr spürbar!
Auch wenn die „Gefahrenzonen“ weite km entfernt von den restlichen touristischen Orten in Mali sind.
Auch wenn die Probleme immer und immer wieder effektiv in Niger stattfinden, so wird diese Angst betreffend Mali durch die Medien extrem geschürt. Im Interesse von wem? Ist das die moderne Version von „Kolonialisierung“ von Ländern? Wenn man nicht im Einklang mit
gewissen Regierungen ist, das sind nun die neuen Mittel der „Kriegsführung“?
Nicht nur Timbuktu hat nur noch einen Mini kleinen Prozentsatz der Gäste von früher. Wir alle. Ob im Dogonland, in Mopti, in Djenné, Ségou oder Bamako. Und nicht nur spüren das alle Hoteliers und Restaurants, die Fahrer und Führer, aber auch der Fischer der sonst seinen Fisch ins Restaurant liefern kann, der Pheul der keine Rinder mehr verkauft, weil keine Steaks mehr gefragt sind, die Frauen deren gefärbten Stoffe kaum mehr einer kauft, oder deren Töpfereien unbeachtet liegenbleiben. Es ist fast schon wieder eindrücklich zu sehen wie weite Kreise der Tourismus zieht und wieviele Menschen und Familien auch weit entfernt vom Tourist, diese Auswirklungen alle handfest spüren. Es ist eine Tragödie für das ganze Land, das auch ohne diese Situation, bereits zu den Ärmsten der Welt gehört. So freuen wir uns alle über jeden Besucher, der trotz aller schlechter Media, doch den Mut hat zu kommen.
Diejenige die es „wagen“ werden doppelt herzlich begrüsst und betreut und erleben, wie man überall hört und versichert bekommt, ein friedliches und wundervolles Land und Volk von seiner besten Seite. Wir geben die Hoffnung nicht auf, das sich immer wieder „Mutige“ finden lassen, die die positiven Erlebnisse
dann auch wieder in die Welt heraustragen. Und das sich die Situation wirklich nur verbessern kann.
In diesem Sinne mit den herzlichsten Grüssen aus Mali

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Letzte Aktualisierung: 24.05.2012