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22. September 2009

Indien: Im Interesse der Bevölkerung

Jetzt bekamen die FischerInnen von Bombay recht.

Die alten Fischergemeinschaften werden allmählich verdrängt

«In einer demokratischen Gesellschaft muss die Regierung im Interesse der Bevölkerung handeln.» Zu diesem – eigentlich selbstverständlichen – Schluss kam Ende Juli ein High Court in der indischen Finanzmetropole Bombay. Das Gericht begründete damit ein Urteil, mit dem es den Entscheid eines früheren Finanzministers des Bundesstaats Maharashtra rückgängig machte. Der Politiker der hinduistisch-nationalistischen Indischen Volkspartei BJP hatte 1997 über 280 Hektaren Land an das Unternehmen Essel Infraprojects verschenkt. Das Gebiet liegt nordwestlich von Bombay auf der Halbinsel Gorai, wo die Firma den Vergnügungspark Esselworld betreibt.

Empfindliches Ökosystem
Auf über 5'700 Hektaren dehnen sich auf Gorai unberührte Mangrovenwälder aus, die eine grosse Biodiversität bieten. Die über 100'000 BewohnerInnen der Halbinsel leben zu einem grossen Teil vom Fischfang. Die Mangrovenwälder sind nicht nur ein natürlicher Schutz für Bombays Küste, sondern auch das bevorzugte Brutgebiet vieler Fischarten.

Wie empfindlich das Ökosystem ist, zeigte sich, als Essel 1997 eine 1'200 Meter lange Barriere durch die Bucht zog, um den Zustrom von Salzwasser zu stoppen. Abgeschnitten vom Frischwasserzufluss, starben in der Folge Tausende von Mangrovenbäumen ab. Dadurch gingen nicht nur der Fischbestand und der Ertrag der FischerInnen zurück. Durch das Verschwinden der Hälfte der Baumsorten war die Küste von Bombay verstärkt der Erosion und der Flut ausgesetzt. Die Überschwemmung von 2005, bei der Hunderte starben, war eine direkte Folge dieser Eingriffe.

Dass Geschäftsleute und Firmen ein Auge auf Gorai werfen, ist nicht neu. Zwischen 1885 und 1989 wurden immer wieder Grundstücke verschenkt, verkauft und von Gerichten oder der Regierung wieder zurückgefordert. Angespornt durch die wirtschaftliche Liberalisierung, begann Bombays Elite von Vergnügungsparks, Schnellstrassen, Wolkenkratzern, Luxusappartements und Bürotürmen zu träumen – und liess sich von befreundeten PolitikerInnen bislang intakte Mangrovenwälder schenken.

Die Vorgängerfirma von Essel Infraprojects hatte Anfang der achtziger Jahre die 280 Hektaren erstanden (wie so oft illegal). Der Staat untersagte den Handel, daraufhin verschenkte ein Minister das Grundstück. Als Essel den FischerInnen von Gorai die Nutzung des Landes verboten hatte, zog deren Genossenschaft 2001 vor Gericht – und bekam jetzt, acht Jahre später, recht. Ob der neue Vergnügungspark Esselworld, der mittlerweile dort steht, abgerissen werden muss, ist offen.

Gestärkter Widerstand

Im Februar 2008 hatten 110'000 Salzarbeiterinnen, Fischer und KleinbäuerInnen auf Gorai gegen die spezielle Unterhaltungszone demonstriert (siehe WOZ Nr. 11/08). Ihre Proteste haben jetzt Wirkung gezeigt. Das Urteil gibt dem Widerstand gegen Sonderwirtschaftszonen (SEZ) neuen Auftrieb. Das sieht auch Joseph Gonsalves vom Komitee zum Schutz von Dharavi so. In Dharavi, dem grössten Slum von Bombay, sind ebenfalls SEZs und Grossprojekte geplant

Der Beitrag von Joseph Keve erschien in der Wochenzeitung vom 13.09.2009. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
Bilder: www.dionnebunsha.com
; www.east-indians.com/News_clippings/AntiGoraiSEZ1_web.jpg

AutorIn: Joseph Keve, Bombay

Kategorie: Brennpunkt Tourismus, Indien, Indigene Völker, Liberalisierungen – GATS, Menschenrechte, Umwelt & Lebensgrundlagen, Wasser


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Letzte Aktualisierung: 24.05.2012